Theatertreffen: Imposante Spannweite
Wer glaubt, es sei die reinste Freude, den sogenannten zehn «bemerkenswertesten Inszenierungen» Goldmedaillen umzuhängen und Blumensträuße in den Arm zu drücken, täuscht sich. Denn für fast jede, die man aufs Treppchen bittet, muss eine andere verstoßen werden. Und das macht keinen Spaß. Dieses Jahr besonders wenig, denn kein Mitglied der im Regelfall gespaltenen Jury (deren Mitglied ich in diesem Jahr bin) kam drum herum, Darlings zu killen und in saure Äpfel zu beißen.
Fast könnte man darüber aus dem Blick verlieren, dass die Zehnerauswahl gleichwohl eine imposante ästhetische Spannweite und getreue Spiegelung der immer noch patriarchalen, aber doch zunehmend diversen Theaterlandschaftsverhältnisse aufweist von sagen wir Frank Castorfs monumentalem «Faust»-Schauspiel, der gleichermaßen die Summe von 25 Volksbühnenjahren wie von knapp 250 Jahren Vernunftherrschaft und Kolonialismus zieht, auf der einen Seite bis hin zu Anta Helena Reckes smarter Konzeptkunst-Kopie von Anna-Sophie Mahlers Inszenierung «Mittelreich» mit einer Besetzung of Color an den Münchner Kammerspielen auf der anderen Seite.
Dazwischen passen auch einige scheinbar Altbekannte wie Jan Bosse (oder doch eher ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2018
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Eva Behrendt
Wenn im Theater gehustet wird, dann normalerweise im Zuschauerraum. Diesmal aber fängt die Vorstellung damit an, dass das in Anoraks und Daunenmäntel gehüllte Ensemble sich vor dem Vorhang aufreiht und so lange herzhaft um die Wette hustet, bis der – ebenfalls hustende – Doktor seine Patienten von der Bühne holt. So beginnt Alexander Eisenachs Inszenierung des...
Eine Superposition bezeichnet in der Physik die Überlagerung gleicher physikalischer Größen, wobei sich jene nicht gegenseitig behindern. Was für den physikalisch durchschnittlich bewanderten Theaterbesucher mehr oder weniger unverständlich ist – man versteht vor allem, dass man nichts versteht. Dieses Nichtverstehen ist die Basis von Alexander Giesches theatraler...
Es ist schon sehr viel schwarzes Blut geflossen im April 1945, als ungefähr zur Mitte seines Kriegsende-Films «Der Hauptmann» der Regisseur Robert Schwentke einen «Bunten Abend» stattfinden lässt. Vor grölenden Soldaten, die gerade erst 30 Gefangene – vor allem deutsche Fahnenflüchtige und Plünderer – im Emslandlager 2 erschossen haben, liefern sich Samuel Finzi...
