Aus alt mach neu

Warum soll man sich immer neue Stücke ausdenken? Es gibt doch ein paar gute alte, die man nachdichten kann: Ewald Palmetshofers «Edward II.» nach Marlowe und Ibsens «John Gabriel Borkman», von und durch Simon Stone

Theater heute - Logo

Selten findet sich im Titel ein schöneres Understatement als bei Christopher Marlowes vorletztem Stück. «The Trouble­some Reign of Edward II.» war nicht nur ein bisschen troublesome, also schwierig, sondern ein komplettes Desaster. Denn der König hielt sich weniger mit Regieren auf als mit seiner schwulen Liebe zu einem gewissen Gaveston. Was in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften unter Privatsphäre fällt, die höchstens ein Problem im Terminkalender macht, war zu elisabethanischen Zeiten nicht so einfach.

Erstens hatte so ein König damals qua Got­tesgnadentum keine so ohne Weiteres abteil­bare Privatsphäre, und zweitens war sein Staat – der englische besonders – eine höchst wackelige Angelegenheit aus Allianzen, Loya­litäten und Verschwörungen rivalisierender Adeliger, die ein Herrscher steuern und ausbalancieren musste. Da sollte man seine Earls und Counts weder unnötig verärgern noch seine Tage mit dem Geliebten auf Blumenfesten verturteln. Die reine Liebe wurde schnell gefährlich.

Ewald Palmetshofer findet das verständlicherweise bedauerlich. Seine Marlowe-Nachschrift «Edward II. Die Liebe bin ich» versucht dem Untergang des liebeskranken Königs eine tragische ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Nichts Neues aus der Anstalt

Die Psychiatrie als Spiegel der Gesellschaft, das ist das aufklärerisch kämpferische Grundmotiv in «März» von Heinar Kipphardt. Kipphardt weiß, wovon er schreibt Anfang der 50er Jahre hat er selbst als Psychiater an der Charité gearbeitet. Angelehnt an die reale Geschichte des Psychiatriepatienten Ernst Herbeck drehte er 1975 den preisgekrönten Fernsehfilm «Leben...

Wer, wenn nicht ich?

 In der Münchner Theatertopografie gilt das Residenztheater seit jeher als Hort repräsentativer Hochkultur, während man den Kammerspielen von Haus aus grenzüberschreitenden Innovationswillen zuschreibt. Historisch betrachtet mag das überwiegend zutreffen, bei näherem Hinsehen bekommt dieses aufgeräumte Weltbild allerdings vermehrt Risse. Zumindest was ästhetische...

Umarmung für den Apparat

Einige von uns waren an diesem Abend in Stuttgart. Einige von uns haben gelacht, gegrübelt, geklatscht. Einige von uns haben sich gefragt, warum man sich am Schluss trotzdem nicht anders fühlt als nach einem normalen Theaterabend.

«Einige von uns», so heißt das Projekt der Performancegruppe She She Pop – vor vielen Jahren gegründet von Studenten der Angewandten...