Zwei Enden der Geschichte

«Schlachten!» nach Shakespeares Rosenkriegen in Freiburg, «Die Vernichtung» von Olga Bach und Ersan Mondtag in Bern

Theater heute - Logo

Als die Blendscheinwerfer verlöschen und der Nebel sich lichtet, schaut das Publikum ins Paradies. Der Schöpfer ist wohl eben ausgetreten, die Schaukel schwingt noch, aber leer. Auf den zweiten Blick erkennt man, wie künstlich das Paradies beschaffen ist. Schilf sprießt am Pool, rechts duckt sich eine Palme, Farn wedelt, Blumen recken die Köpfe nach ihrem Floristen. Kein Zweifel, hier hat ein Bühnenzauberer Natur ge­sampelt.

Eine dunkle Streicherwelle flutet das Gehör – Brahms, «Ein deutsches Requiem», Überwältigungsmusik, der Chor schwelgt in Vergänglichkeit von Herrlichkeit, «denn alles Fleisch, es ist wie Gras» – und dann plumpsen sie ins Bild. Vier Menschlein. Und staunen und starren und wissen nicht, was anfangen mit dieser Pracht.

Vom systematischen Zerfall einer Gesellschaft zu erzählen und die eigene städtische Community zumindest mitzumeinen, gehört zum Standardrepertoire deutschsprachiger Schauspielplaner. Aber selten genug dehnt ein mittelgroßes, von bürgerlicher Kulturbehaglichkeit durchaus zehrendes Stadttheater dabei die Grenzen des Publikumswirksamen so kühn und so gekonnt aus wie in Bern, wo Regisseur Ersan Mondtag mit der Autorin Olga Bach «Die Vernichtung» eines ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Stephan Reuter

Weitere Beiträge
Goldschmied der Ironie

Es gibt sie tatsächlich, die Theaterkritiker, die in ihrem Leben nichts von Bedeutung erlebt haben, außer, was ihnen die Bühne als Material anbot. Was von Kritik verletzte Schauspieler und Regisseure seit ewigen Zeiten als gehässige Vermutung über den Beruf des Aufführungsrichters ablassen, dass diesen wohl nur im Leben Zukurz­gekommene ergreifen, die das...

Warum nicht gleich Malick?

Das Theater geht ins Kino mit wackeligen Beinen und einem schicken neuen Anzug. So ließe sich der mediale Transfer beschreiben, den die Verfilmung von Ibsens «Die Wildente» durch Simon Stone betreibt. Der Australier Stone, geboren in Basel und dort Hausregisseur am Theater, wurde für seine Wiener Inszenierung von «John Gabriel Borkman» in diesem Jahr zum...

«Ich träume nur einmal im Jahr»

Begegnungen mit dem Schauspieler Franz Rogowski. Das erste Mal: 2011 in Salzburg. Wir saßen mit Philipp Hochmair in einem Café abseits des Festspieltrubels und sprachen über den «Faust» von Nicolas Stemann, der in den nächsten Tagen Premiere haben würde. Auf einem Rennrad mit für das Kopfsteinpflaster viel zu dünnen Reifen kam ein junger Mann mit höchst...