«Marco war en Schmusekind»
Dieser Text lässt sich nicht einfach abschütteln. Er nistet sich ein, beißt sich fest, kriecht ein paar Nächte lang übers Kopfkissen. Er hinterlässt Bilder eines abscheulichen Verbrechens: Nach der Lektüre sieht man mondbeschienene Feldwege vor sich, leere Bierkästen Marke «Sternburger» und Springerstiefel, die nach einem erschöpften Körper treten. Man hört einen betrunkenen Teenager panisch «Ich bin ein Jude» lallen und später das Krachen von Knochen. Dabei hat man in diesem Text weit mehr erfahren als das, was in dieser schnapsschweren Sommernacht geschah.
Der Mord von Potzlow, verübt am 13. Juli 2002, ist längst durch die Presse gegangen. Damals haben drei junge Kerle, das Brüderpaar Marco (23) und Marcel (17) Schönfeld und ihr Kumpel Sebastian Fink (auch 17), den 16-jährigen Marinus Schöberl mehr zufällig als systematisch stundenlang gequält und gedemütigt, ihm schließlich nach mehreren Anläufen den Schädel zertrümmert, seine Leiche in der Jauchegrube eines alten Schweinestalls verscharrt und sich zu Bett gelegt. Das Verbrechen machte auch deshalb Schlagzeilen, weil Marinus’ Leiche erst nach sechs Monaten entdeckt wurde, die Täter aus dem Dunstkreis der Neonazis kamen und weil ...
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Der Skandal blieb aus, «die» Entdeckung ist es dann aber auch nicht gewesen: Als das Theater in Erlangen ankündigte, ein ausgegrabenes Stück des kommunistischen jüdischen Publizisten Alfred Kantorowicz (1899– 1979) uraufzuführen, das auch noch drohend den nackten Titel «Erlangen» trägt, witterten manche Bürger in einer Inszenierung des 1929 geschriebenen Dramas...
So was nennt man wohl «schwierige Kindheit»: Wenn sich der Papa im Wohnzimmer mit der Klage «Mein Sohn, mein Sohn, warum hast du mich verlassen?» per Selbsttötungsmaschine an ein Holzkreuz nageln lässt, dann hat der 16-jährige Sohnemann sicherlich das Anrecht auf einen heftigen Knacks. Und wenn das Töchterlein im verwesenden Leichnam der Mutter heranwachsen muss,...
Der gewöhnliche Mensch spielt in seinem Leben nur eine Handvoll Rollen. Eine im Beruf, eine für das begehrte Geschlecht, für die Eltern und Verwandten eine andere als für die Kinder, und manche Menschen haben noch eine extra Rolle parat unter der Überschrift «Geheime Leidenschaft» (Autofahren, Lyrik, Swingerclub oder Schalke 04 zum Beispiel). Bei dieser...
