From outer space
Naomi und East haben schon länger über Nachwuchs nachgedacht. Doch der Säugling, der vor ihrer Tür abgestellt wurde, ist eine ziemliche Herausforderung. Noch keine Stunde alt, bittet er seine Wahleltern, ihn Christopher zu nennen, Augenblicke später befindet er sich mit unbändigem Wissensdurst in der Pubertät, schreibt Gedichte und löst mathematische Gleichungen. Nach kurzem Hochgefühl («Ach, ich bin so voller Dankbarkeit und Glück») erkennt er jedoch, «dass das Leben aus Enttäuschungen besteht [...
] man kann nur hier und da auf eine Stunde hoffen, die einen vergessen lässt, dass kein Sinn darin liegt». Denn Naomi und East streiten ständig – sie ist tablettenabhängig, er alkoholkrank – und sind im Trott ihrer alltäglichen Verrichtungen gefangen. Vom schöngeistigen Jugendlichen mutiert er zum monströsen Erwachsenen, schreit nach Heroin und vergewaltigt seine Eltern. Nach einer Überdosis ist er jedoch geläutert und stirbt nach knapp zwei Lebensstunden als Gott preisender alter Mann.
«The light gleams an instant, then it’s night once more» – Christophers Turboleben setzt Becketts auf den Punkt gebrachtes Menschheitsdilemma aus «Warten auf Godot» gnadenlos um. Schnell, flüssig und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2015
Rubrik: Chronik, Seite 66
von Natalie Bloch
Verachtung ist leicht, Verständnis ist schwer. Und Gefühl ist gefährlich. Horváths «Geschichten aus dem Wiener Wald» sind in den letzten Jahren zum Übungsfeld für Figurenverachtung und Emotionszersetzung geworden. Stefan Bachmanns Kölner Inszenierung setzt diese Entwicklung fort und dreht die Schraube noch etwas weiter in diese Richtung. Nichts ist neu: Die riesige...
Eines mehr oder eher weniger inspirationsarmen Arbeitsabends googelt die Ich-Erzählerin in Monique Schwitters Roman «Eins im Andern» ihre Jugendliebe. Die Trefferliste provoziert einen existenziellen Schock: Der Junge namens Petrus, mit dem die notorische Pumps-Trägerin zwanzig Jahre zuvor in geborgten Seehundstiefeln tiefwinterliche Silvesterlandschaften...
Eigentlich könnte man auch nur dieses Bühnenbild betrachten. Ein Schiff auf einem goldenen Meer unter einem goldenen Himmel, gediegen, vergangen, das gleiche Motiv auf allen Bildern einer Galerie. Da fühlt man sich sofort ohnmächtig. Weil das System so geschlossen ist. So gewaltig und erhaben. Und zugleich so offen. Weil dieses eine Bild durch seine Multiplikation...
