Versuche in Unvernunft
Am Ende steht Teiresias im schwarzen Anzug etwas verloren am hinteren Bühnenrand und guckt auf das Etikett der Rotweinflasche in seiner Hand. Welcher Jahrgang ist das bloß? Pentheus ist zerrissen, Mutter Agaue und Papa Kadmos ins Barbaren-Exil vertrieben, das schöne Theben zerstört, und Dionysos hat den aufgeklärten Hellenen mal wieder gezeigt, wo der Hammer hängt. Noch bevor Teiresias den edlen Tropfen historisch taxiert hat, nimmt ihm eine Mänade im Abgehen die Flasche aus der Hand. Nicht mal sein Gläschen Bordeaux bleibt dem alten Knaben. Griechische Tragödien können grausam enden.
Dabei hatte in Jossi Wielers Kammerspiel-Inszenierung alles so schön angefangen. Kein Dionysos-Monolog wie bei Euripides, wo zum Einstieg die Genealogie und mythische Rechtfertigung abgearbeitet werden, dergleichen hält heute nur auf oder entzückt anwesende Altphilologen. Stattdessen zwei muntere alte Herren bei ihrem ganz speziellen Methusalem-Komplott. Teiresias (Peter Kremer) und Kadmos (Peter Brombacher) haben beschlossen, Vernunft Vernunft sein zu lassen und bei Dionysos und seinen Bacchantinnen tanzen zu gehen. Nicht, dass die beiden übertrieben vergnügungssüchtig erscheinen: Der eine sieht mit ...
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