Den Affen bewahren
Es gibt einen sehr vernünftigen und ungewöhnlich konstruktiven Satz vom größten Pessimisten des 20. Jahrhunderts, E. M. Cioran: «Wer Angst vor der Lächerlichkeit hat, wird es weder im Guten noch im Bösen sehr weit bringen.» Wer sein Leben lang denselben Job gemacht hat, wird mit dieser Weisheit vielleicht nicht viel anfangen können, und wer seine Sandkastenliebe geheiratet hat, wahrscheinlich auch nicht. Aber um die eigenen Unzufriedenheiten zu überwinden, braucht es in der Regel etwas Mut zur Peinlichkeit.
Um nochmal Cioran zu zitieren, dessen Philosophie im Kern zwar aus depressiven Denkfehlern besteht, der daraus aber häufig erstaunlich lebensbejahende Aphorismen gewann: «Man muss einige Reste des Affen bewahren oder zu Hause bleiben.»
Mit der öffentlichen Kritik von Kulturleistungen steht man vor einer ähnlichen Entscheidung zwischen Affe oder Zu-Hause-Bleiben. Denn die publizierte Bewertung anderer Leute Anstrengungen besitzt immer einen Kern von lächerlicher Anmaßung. Was fällt dem Kritiker ein, nach der Lektüre eines Dramas, vielleicht noch von etwas Zusatzliteratur (wenn es der hektische Betrieb denn zulässt) und der Ansicht eines Theaterabends ein Urteil zu fällen, das ...
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