Wie wird man verrückt?
Ein schwules Paar zeugt mit einer schizophrenen Frau ein Kind: ein extremes Beispiel der unübersichtlichen Beziehungsmöglichkeiten und der neuen Reproduktionsfreiheit. Thomas Melle stellt in seinem neuen Stück «Aus euren Blicken bau ich mir ein Haus» ein Trio infernale von der Peripherie der Gesellschaft in den Mittelpunkt der Bühne. Am Rand des Systems zeigen sich kritische Entwicklungen des Zentrums schneller und deutlicher. Das Stück bedient mehr als den Voyeurismus der Normalbürger.
Auch das gesellschaftliche Norm-Individuum soll heute ja Planungszentrum der eigenen Bastelbiografie sein.
Das Stück propagiert aber auch nicht die neue Geborgenheit in der Regenbogenfamilie, für die die Kleinfamilie ein altes Konstrukt ist. Es zeigt die selbstsüchtige Bosheit, die hinter solch einem Projekt stecken kann. Birger und Kevin, das schwule Paar, bringen Dorte, die schizophrene Frau, in die geschlossene Psychiatrie, lassen deren halbfertiges Haus abreißen und bemächtigen sich des Sorgerechts für das Neugeborene. Ihre Motive sind eine unentwirrbare Mischung aus Fürsorge, Rache und Selbstbestätigung.
Das Stück entfaltet seine Themen mit einem bunten Wechsel von boulevardreif zugespitzten ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2013
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Gerhard Preußer
«Ich existiere», ruft Fabian Hinrichs aus, «um 20 Uhr 34 im Thalia Theater!» Einspruch! Das mit der Uhrzeit stimmt zwar, aber Hinrichs existiert gerade ganz eindeutig nicht im Thalia, sondern ein paar Straßen weiter im Hamburger Schauspielhaus, für das der Theaterkünstler der Stunde gemeinsam mit Bühnenbildner Jürgen Lehmann «Ich. Welt. Wir. Es zischeln 1000...
Unbewaffnet rückt kein Eidgenosse aufs patriotische Feld aus. Wilhelm Tell trägt seit Jahr und Tag Armbrust. Auch der Schauspieler Mike Müller wappnet sich für seinen «Truppenbesuch». «Müller inspiziert die Schweizer Armee», verspricht sein Soloabend im Zürcher Neumarkt im Untertitel.
Es hat etwas Zivilritterliches, wie sich Mike Müller das Thema erobert. Der...
Der russische Autor und Theatermacher Iwan Wyrypajew hat bisher unter anderem die poetische Textperformance «Sauerstoff» oder den trockenen Massenmördermonolog «Juli» vorgelegt. Sein Stück «Illusionen» wurde 2011 auf Deutsch in Chemnitz uraufgeführt, die Figuren haben englische Vornamen, und die Form des Stücks ist sichtlich von Erzähltheaterformaten à la Forced...
