Wer A ist, muss auch B sagen
Wenn Kunstbanausen, Finanzpolitiker und Wirtschaftszeitungen über das Theater sprechen, dann hört sich das häufig so an, als beginne hinter dem Kartenabreißer eine kapitalismusfreie Zone. Aufzuzählen, wie viele Euro Steuergelder unter jedem Theatersessel kleben, gilt dann als Spitzen-Bonmot, um mit der Behauptung vermeintlicher Verschwendung den Populismus zu schüren.
Denn obwohl Theater eindeutig eine demokratische Dienstleistung ist, die sich ebenso wenig eigenfinanzieren kann wie Parlamente oder Behörden, suggerieren derartige Zahlenspiele, Subventionen an Theater seien wie Kohlesubventionen Gnadengeschenke für einen Wirtschaftszweig, der sich im freien Markt nicht behaupten kann.
Und die Botschaft kommt an. Dort, wo Sozialneid und Ahnungslosigkeit sich zu öffentlichen Äußerungen verdichten, etwa in Berliner Rap-Videos, ist das Feindbild der Kunstschwuchtel ein stehender Terminus. Der verdeckte Aufruf zum kulturellen Kannibalismus, den die dauernde Geringschätzung des Theaters als Patient der Öffentlichen Hand mitteilt, fruchtet aber nicht nur bei den kreativen Chronisten der Dummheit. Vermutlich gibt es im deutschen Jammertal längst eine Mehrheit ganz vernünftiger Mitbürger, ...
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Theater heute Jahrbuch 2005
Rubrik: Die neue Klassengesellschaft?, Seite 6
von Till Briegleb
Mit seinem Essayband «Das letzte Territorium», der 2003 auf Deutsch erschien, wurde Juri Andruchowytsch über Nacht bei uns bekannt. Es galt, ein neues Land – nicht nur auf der literarischen Landkarte – bei uns zu entdecken. Denn was wussten wir schon über die Ukraine, das zweitgrößte europäische Land, das 1991 in die Unabhängigkeit gelangte? Tschernobyl,...
Nach stundenlangem Kampf neigt sich die Bunkerdecke ein letztes Mal. Die Blechgeschirre mit der Henkersmahlzeit scheppern zu Boden, Leichen rutschen malerisch über die Schräge, dumpfes Wummern liegt in der Luft. Nur zwei Recken können noch aufrecht stehen: Gunther und sein braver Hagen, der ihm noch im Untergang den Rücken zur Sitzgelegenheit krümmt. Treu bis in...
Wenn man genau hinsah, konnte man die zukünftige Hauptfigur von Guy Krnetas neuem Stück bereits auf einer Bühne erkennen. Im Maßstab 1:87 stand sie da im Foyer des Theaters Basel, inmitten einer Modelleisenbahnlandschaft, inmitten eines Abends eines anderen Theatermachers, inmitten von Stefan Kaegis Stück «Mnemopark», das in einem Modellversuch die Konstruktion des...
