Tanz der Substanzen
In der kalifornischen Wüste steht eine junge Frau und blickt zum eleganten, modernistischen Bungalow hinauf, der oben in den Felsen gebaut ist. Plötzlich explodiert das Gebäude. Aus immer neuen Perspektiven wiederholt sich diese Explosion, zuletzt als Detailstudie des Interieurs und in Zeitlupe. Den Kleiderschrank erwischt die Druckwelle von hinten: In grotesker Anmutung blähen sich die Kleidungsstücke für einen Moment auf, bevor sie scheinbar von Schwerkraft befreit neben Lampe, Hühnchen und Hummer zu schweben beginnen.
Vor leuchtend blauem Horizont und mit Pink Floyds psychedelischem Sound unterlegt («Come in Number 51») verwandeln sich die Alltagsdinge in ästhetische Objekte – frei von Funktion, ökonomischem Wert oder Warenfetisch. Die Explosion bringt die Objekte zum Tanzen.
Dass die dänische Choreografin und Tänzerin Mette Ingvartsen den diskursiven Teil ihrer Lecture-Performance «Speculations» mit dieser Beschreibung beendet (die sich unschwer als Ende des Films «Zabriskie Point» von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1970 erkennen lässt), ist natürlich Konzept. Die Sequenz erzeugt eine künstl(er)ische Realität, in der die Objekte Eigendynamik entwickeln und sich ...
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Theater heute Juni 2017
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Anja Quickert
The Artist is present» hieß die mehrere hundert Stunden dauernde Performance, mit der Marina Abramovic 2010 halb New York ins MOMA lockte. Doch nicht nur dort, an einem Tisch und auf zwei Stühlen, wo sich die Künstlerin und wechselnde Besucher*innen vor Publikum und Kameras gegenübersaßen und in die Augen blickten, war Abramovic anwesend: Auch in Werbespots...
«Wessen Herz ist schon ganz?», fragt Michailo Gurman achselzuckend. Oder er sagt Sätze wie «Das Glück liegt in einem Tag nur, in einer Stunde, einer Minute, Sekunde, in einem ungreifbaren Augenblick.»
Keine Frage, dem jungen Ukrainer mangelt es an optimistischer Lebenseinstellung. Was aber nicht weiter verwunderlich ist, wenn man weiß, dass er erst vor kurzem zum...
Sie ist die Erste, die auftritt. Sich auf eine Bank setzt, im weißen Kleid, ein imposantes Stück rohes Fleisch im Schoß. Emporstarrt ins Scheinwerferlicht, bis ihr die Augen tränen. Reglos. Marie (Linda Pöppel) nimmt zu ihrer Rechten Platz, Robert (Max Mayer) zu ihrer Linken, und der Beziehungszoff nimmt seinen Lauf. Dazwischen: Kate Strong als reglose Barriere,...
