Materialermüdung
Das Düsseldorfer Schauspielhaus steht im Schatten des Thyssen-Hochhauses; Fritz Thyssen war einer der frühen Sponsoren der nationalsozialistischen Bewegung. Und die Firma Krupp im benachbarten Essen baute die Kanonen, die der Führer brauchte, um den Weltkrieg zu entfesseln.
Die Regisseurin Karin Henkel fasste also buchstäblich ein heißes Eisen an, als sie das Filmskript «Die Verdammten» des Italieners Luchino Visconti für die Düsseldorfer Bühne adaptierte: Denn der Meisterregisseur dokumentiert hier, sehr verfremdet, Aufstieg und vor allem Fall der Krupp-Dynastie im Bann des NS-Regimes. Das Hakenkreuzzeichen auf der Bühne ist längst inflationär, aber die inzwischen vereinigten Firmen Thyssen/Krupp haben eine konkrete Geschichte und virulente Bedeutung für die Region. Der Rüstungsindustrie geht es auch heutzutage gut, wie der Leser der Wirtschaftsblätter weiß. Einige interessierte Herren im Parkett würden also darauf achten, ob die Regisseurin denn auch Viscontis stupendem Ästhetizismus und seinen delikaten Filmbildern gehörig nacheiferte. Dass sie das nicht tat, ja dass ihre formalen Mittel denen des Starregisseurs und seines vierzig Jahre alten Films krass widersprachen, ist ...
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Es war einmal die Paradedisziplin von Botho Strauß: Paare in ihren nicht mehr ganz frischen Jahren, anmutig überkreuz oder nebeneinander verzwirbelt im Beziehungsdickicht der bundesdeutschen Achtziger. Saturierte Selbstbeobachter schlugen ihre vielfach gebrochenen Spiegelkabinette auf, sorgsam arrangiert vor tragisch mythischen Abgründen. Die Stücke entfalteten...
Aus dem «urschleim» sei «doch immer was geworden», stellt Stamm fest, «vielleicht nich immer wunschprogramm alter, aber immer irgendwas […] n fleck leben im brustkorb». Die Sätze, die Dirk Laucke in «wir sind immer oben» denjenigen in den Mund legt, an denen der Wohlstand vorbeigezogen ist, sind so lebendig, dass sie zu atmen scheinen. Lauckes Sprache ist...
Der Weltreisende ist ungnädig mit den Künsten. Im Theater habe er sich stets gelangweilt, teilt er dem Mathematikgenie mit. Ganz richtig, ruft Gauß, und Humboldt mäkelt weiter. Jetzt über Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde.
Wir befinden uns auf Seite 221 und damit im letzten Drittel...
