Voll auf der Rolle

Nadja Loschky unternimmt mit den Hauskräften des Theaters Bielefeld einen hinreißenden Ausflug in Offenbachs Orpheus-Unterwelt

Opernwelt - Logo

Das Leben der Bourgeoisie im verblichenen Reich Napoleons III. gehört gewiss nicht zu den Herzensthemen des heutigen Theaterpublikums. Ziemlich lange her, bald anderthalb Jahrhunderte. Aber es sind eben jene saturierten Stützen einer selbstgefällig-morschen Gesellschaft, die Jacques Offenbach zeitlebens mit swingendem Sarkasmus aufs Korn nahm. Das höllische Vergnügen an seinen musikalischen Satiren lässt sich also nicht gänzlich von den historischen Reibungsflächen abkoppeln, an denen sich seine Fantasie entzündete.

Das gilt zumal für «Orphée aux Enfers», das erste großformatige Erfolgsstück, das Offenbach 1858 am eigenen Théâtre des Bouffes-Parisiens herausbrachte. Natürlich rechneten der Komponist und seine Librettisten Hector Crémieux und Ludovic Halévy auch in dieser abgedrehten Parodie auf die antike Geschichte von Orpheus und Eurydike mit der Hypokrisie ihrer Zeit ab. Einer Ära, deren Weichbild uns kaum mehr vertraut ist.

Hinzu kommt die Sprachbarriere: Um den Witz des französischen Originaltextes in die Gegenwart zu übermitteln, entstehen, vor allem außerhalb des frankophonen Raums, immer wieder neue Fassungen, die allerdings nicht selten Offenbachs melodienselig ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
O welcher Frust

Uraufführungen sind bei der New York Philharmonic keine Seltenheit. Doch die szenische Erstdarbietung eines brandneuen Werks? Das gab es so gut wie nie in der 177-jährigen Geschichte des Orchesters. Im Rahmen des von Musikchef Jaap van Zweden initiierten, auf Beethoven fokussierten Minifestivals «Music of Conscience» hob es David Langs 13. Arbeit für die Bühne aus...

Sinn fürs Verspielte

Karlheinz Stockhausens monumentaler Musiktheaterzyklus «Licht» scheint Konjunktur zu haben: Anfang Juni hatte das Holland Festival mit 14 Stunden immerhin die Hälfte in Szene gesetzt, vier Wochen später realisierte nun Le Balcon zwei Vorstellungen des «Samstag» in Paris, nachdem es im vergangenen Herbst bereits den «Donnerstag» an der Opéra Comique herausgebracht...

In neuem Licht

Das Theater Basel war nicht wiederzuerkennen. Der Zuschauerraum fand auf der weit geöffneten Bühne eine spiegelsymmetrische Fortsetzung, längs durch den ganzen Raum zog sich ein schwarzer Laufsteg, der, absinkend und wieder aufsteigend, von der einen Seite zur anderen führte. Er war beidseits gesäumt von Publikum – außer dort, wo zwei Flächen frei blieben für die...