Köln on tour: Colin Dunne, Sidi Larbi Cherkaoui «Session»
Eine spontane Zusammenkunft von Musikern und Tänzern, typischerweise in einem Pub: Das meint man traditionell in Irland, wenn von einer «Session» die Rede ist. Geprobt ist da gar nichts; wer die jeweilige Melodie kennt, musiziert oder tanzt mit, wer sie nicht kennt, klinkt sich so lange aus. Mit ihrer Titelwahl spielen die Tänzer-Choreografen Colin Dunne und Sidi Larbi Cherkaoui diesen Gedanken des informellen Miteinanders durch.
Und tatsächlich: Mit den Musikern Michael Gallen und Soumik Datta – Letzterer ein Virtuose auf der indischen Langhalslaute Sarod – kommt das Ganze über die Bühnenkante wie eine Zufallsbegegnung von vier Künstlern, die aus dem Stegreif unterschiedlichste Riffs und Moves zum Besten geben.
Hier wird nicht vordergründig nach Gemeinsamkeiten gesucht wie so oft in grenzüberschreitenden Kollaborationen. Im Gegenteil, die vier Performer zelebrieren die Verschiedenheit ihrer Körpersprachen: Dunne hat zwar bereits mit zeitgenössischen Tanzensembles gearbeitet, doch der traditionelle irische Tanz hat seinem Bewegungsvokabular unverkennbar den Stempel aufgedrückt. Vertikale Elemente und markante Fußarbeit dominieren bei ihm, während Cherkaoui seinen Körper fließender einsetzt, die Arme wellenförmig gleiten, die Füße sanfter auftreten und abrollen lässt. Zwar strahlen beide Tänzer eine gewisse kecke Respektlosigkeit aus, doch unter dem Strich wirkt Dunne ernsthafter, Cherkaoui spielerischer. Dunne scheint gefangen in der Logik der Schritte und des musikalischen Metrums; Cherkaoui bewegt sich schrankenloser und freier, wenn er etwa erkundet, wie seine Handbewegungen ein Theremin – ein elektronisches Instrument, das berührungslos gespielt wird – zum Singen bringen.
Eine Reihe von Solos, Duetten, Trios und Quartetten der Beteiligten sorgt für Spannungs- und Tempowechsel: Einmal lümmeln Dunne und Cherkaoui auf einer Couch, albern herum und machen mit ihren vier Beinen allerhand neckische Mätzchen. Dann wieder imponiert Cherkaoui mit einem Solo von beeindruckender Körperbeherrschung, getanzt zu einer im Loop abgespielten Klavierklangfolge im unorthodoxen 7/4-Takt. Herausragend das atemraubende Duett zwischen Colin Dunne und Michael Gallens präpariertem Klavier, bei dem die Füße des Tänzers den ständig wechselnden Rhythmen des Tasteninstruments in halsbrecherischem Tempo folgen.
Die Zwanglosigkeit, mit der «Session» über die Bühne geht, lässt den vier Akteuren überdies Raum zum Formulieren von Fragen, die sich um ihre Kunst und um die unscharfe Trennlinie zwischen Bewegung und Klang drehen. So zeigt der körperliche Einsatz der Musiker an den Instrumenten, dass Bewegung Musik erzeugen kann, ebenso wie der Akt des Musizierens seinerseits Bewegungen auslöst. Analog demonstriert Cherkaoui mit dem Theremin, wie Gesten zu Tönen werden, die wiederum zur Umsetzung in physische Bewegung einladen. Was also ist Auslöser, was Wirkung? Jenseits solcher kunstphilosophischen Überlegungen überzeugt «Session» als Feier der Gemeinschaft Verschiedener und des wechselseitigen Erzählens von Geschichten.
Aus dem Englischen von Marc Staudacher
Wieder in Köln, Depot 1, 20.–22.Dez.; Luxemburg, Grand Théâtre de la Ville, 21., 22. Jan.; Lyon, Maison de la danse, 24.–27. März; www.eastman.be
Tanz Dezember 2019
Rubrik: Kritik, Seite 40
von Michael Seaver
Viel muss Amilcar Moret Gonzalez’ Eugen Onegin nicht machen. Ein Glas leeren, eine Zigarre rauchen, einem Lakaien Hut und Mantel reichen. Tanzen? Ach was. Kurz wird er genötigt, ein paar Schritte zu vollführen, Sprünge, Drehungen, das macht er kalt lächelnd mit, und schon liegen ihm alle Herzen zu Füßen. Die Bühne gehört ihm, sobald er sie betritt.
Alexander Puschkins Versroman «Eugen...
Wie sieht ein Algorithmus den menschlichen Körper? Ein vielgestaltiges künstlerisches Experiment mit dem «Bin-Packing Algorithm» von Coralie Vogelaar stellt uns einige überraschende Ideen vor. «Bin-packing» oder das «Behälterproblem» ist ein kombinatorisches Optimierungsproblem. Wir kennen es vom Packen unserer Koffer oder Umzugskartons. Für die Transportindustrie allerdings wie für...
Musicals
Sie erfreuen sich allergrößter Publikumsbeliebtheit, gelten aber als künstlerische Federgewichte. Ist das noch zeitgemäß? Fragen wir angesichts einer neuen «West Side Story», die Anne Teresa De Keersmaeker und Ivo van Hove am Broadway herausbringen Szene aus «West Side Story»
Crip
Eine neue Selbstbezeichnung der Behinderten-Community und ihrer Aktivisten verschafft sich...
