Überleben in der Kunst
Selten so einen gründlich desillusionierten Odysseus gesehen: Die fahlen Furchen im unrasierten Gesicht von Jörg Pose erzählen nichts von griechischer Größe, sondern nur von Müdigkeit, Entbehrung und einer Sorte von Gedanken, die sich ausschließlich noch mit dem Überleben beschäftigt. Der Körper in seiner grobgepixelten Fantasie-Militärkluft steht zwar gerade, wirkt aber trotzdem hängeschultrig schlaff, die Schritte sind mehr ein energiesparendes Schleichen als aufrechte Fortbewegung.
Und dann die Stimme: Kaum eine Spur mehr von Satzmelodie, stattdessen unerbittliches Raunen auf einem Ton, das Heiner Müllers Blankvers in emotionslos dahinratterndes Schlussfolgerungswesen überträgt. Die penibel eingehaltenen Zeilensprünge wirken wie erste unmerkliche Absencen. Dieser Mensch ist zur Maschine geworden – und er hat nicht den geringsten Spaß daran.
Heiner Müllers «Philoktet» ist ein funkelnder Edelstein der Ausweglosigkeit. Geschrieben auf den Höhen des Kalten Kriegs, zu Beginn der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts in der frühen, poststalinistischen DDR, entwirft er eine skrupellose Welt, in der das Überleben des Staates alles rechtfertigt. Die Griechen unter Odysseus haben den ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Franz Wille
«Hi!» – «Hi!» Scheinwerferkegel im Zuschauerraum. Eine junge Frau of Color und ein nicht sehr alter weißer Mann tun so, als begegneten sie sich nach einer Theateraufführung zufällig im schon geleerten Zuschauerraum (natürlich ist das Schauspiel Hannover zur Premiere proppenvoll), trauen sich dann auf die Bühne und unterhalten sich über das gerade gesehene Stück. Er...
Nicht, dass Cornelia Crombholz eine Berufsalternative gebraucht hätte. Sie besaß aber trotzdem eine. Als Kind, erzählte sie einmal, wollte sie Kapitänin werden. Wenn man sie in den Theaterferien kontaktierte, konnte es gut sein, dass man sie irgendwo beim Segeln erwischte: Fernweh gehörte früh zu den Lebensbegleitern der 1966 in der DDR geborenen und im...
Gina Haller räumt mit allen Klischees auf, die man sich unter «Ophelia» vorstellen kann: das Porträt
Nicoleta Esinencu hat schon früh beschlossen, keine Auslandskarriere anzustreben, sondern in der Republik Moldau zu arbeiten. Ein Gespräch und der Stückabdruck ihrer neuesten Produktion «Die Abschaffung der Familie»
Wenn man im Theater vom «Mensch» spricht, sollte...
