Virtuelles Glücksversprechen

Jürgen Kuttner nach Jura Soyfer «Ein Staat, in guter Staat»

Theater heute - Logo

Der Traum von Astoria währte nur kurz. Wie eine Steueroase in der Karibik liegt der ideale Staat vor den beiden fliegenden Schauspielern, paradiesische Strände und eine menschenwürdige Gesellschaft erwarten sie dort. Fürsorge für die Armen und niedrige Abgaben für die Reichen – ein unmögliches Versprechen also und kein Wunder, dass die Illusion in sich zusammenfällt.

Vor einem Greenscreen liegen die Schauspieler auf einer transparenten Folie in luftiger Höhe (Bühne: Constanze Kümmel), die Illusion auf der Leinwand im Hintergrund entpuppt sich als eine Virtual Reality, um die Jürgen Kuttner die klassischen Mittel des epischen Theaters der dreißiger Jahre erweitert.

Doch die Originale funktionieren auch noch ganz gut. Wenn ein ganzer Schilderwald minutenlang Kernbegriffe des Gemeinwesens wie «Gemeinschaft», «Steuern», «Arbeitslosigkeit» und «Staat» wie in einem alten Schwarzweißfilm zum Flimmern bringt, ist längst klar, der Text des jung im KZ gestorbenen Autoren Jura Soyfer könnte auch in diesem Jahrtausend entstanden sein.

Eine junge Schickeria-Tussi (Carolin Eichhorst) schenkt ihrem Ehemann (Wolf List) einen Staat zum Geburtstag; als erster Bewohner wird ein obdachloser Kommunist ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2013
Rubrik: Chronik: Hannover Schauspielhaus, Seite 64
von Alexander Kohlmann

Weitere Beiträge
Patchwork Europa

Ich hatte Angst vor dem amerikanischen Touristen-Syndrom: Wenn heute Dienstag ist, dann muss dies Stuttgart sein.» So spitzt der englische International Policy Reseacher Ivor Davies, einer von zwanzig Teilnehmern, die die European Theatre Convention (ETC) zu ihrer «Spring Theatre Tour 2013» eingeladen hatte, seine Befürchtungen vor der Reise zu: Der ambitionierte...

Zu Gast bei Herrn Kalaschnikow

Die junge Frau blickt streng, als sei sie von der Ausländerbehörde. Dann fragt sie, ob man schon mal im Irak gewesen sei und als Journalist Informationen über das Land gesammelt habe. Etwas später drückt Urok Shirjan einen Stempel in einen Pass, und schon nimmt man als Mitglied von «Occupy Baghdad» teil an der künstlerischen und zivilgesellschaftlichen...

Und der Mensch ist doch gut!

Wie versteinert sitzt die ältere Frau im Zentrum der Bühne. Dicke Spinnweben überziehen ihren Körper. Um sie herum hat Bühnenbildner Dirk Thiele haushohe Wände errichtet, in deren setzkastenähnlichen Auslassungen Darsteller wie Schießbudenfiguren im Halbdunkel verharren. Mit einer bizarren Märchenszenerie eröffnet Heike M. Goetze ihre bei den Ruhrfestspielen...