Die unsterbliche Seegurke

Wolfram Lotz ist den Pubertätsmoment des Schreckens über die Sterblichkeit nie losgeworden. Deswegen will er nicht weniger als alles und alles Einzelne dazu – also: das unmögliche Theater. In Weimar schickt er «Einige Nachrichten an das All» (der vollständige Stückabdruck liegt TH 04/11 bei). Von Barbara Burckhardt

Theater heute - Logo

Ungefähr 15.000 Zeichen soll dieser Text lang werden. Nicht gerade wenig für das Porträt eines Nachwuchsdramatikers, naturgemäß aber viel zu wenig, um die ganze, komplexe Welt zu fassen zu kriegen. Und auch viel zu wenig für Wolfram Lotz. Denn wenn es nach und um Lotz geht, müsste man eigentlich Indianisch sprechen oder eine andere Sprache, die keiner versteht.

So wie Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist ganz am Ende dieses merkwürdigen Lotz-Stücks «Einige Nachrichten an das All» seitenlang das (vermutlich gefälschte) Walam Olum zitiert, eine indiani­sche Schöpfungsgeschichte: Weil es sowieso die richtigen Worte nie gibt (und genug schon ganz und gar nicht), um die Schönheit und Schrecklichkeit der Welt und des Lebens zu beschreiben und ins All zu senden.

15.000 Zeichen, mit so einer Vorgabe würde Wolfram Lotz gar nicht erst seinen Laptop aufklappen. Denn die Realität, in seinem Fall die des Theaters, hat den Künstler, findet er, nicht zu interessieren. Der Künstler will alles und macht das erstmal, der Pragmatismus wird schon früh genug sein kleinliches Haupt erheben. Im Theater heißt der Pragmatismus Intendant, der der ganzen Welt die Studiobühne zuweist, und Regisseurin, die aus ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2011
Rubrik: Akteure, Seite 43
von Barbara Burckhardt

Weitere Beiträge
Zehenspiele

Das Verhältnis zwischen Bildender Kunst und Theater ist prekär. Zwar wird mittlerweile kaum eine Biennale oder Ausstellung ohne einen Beitrag aus dem performativen Bereich eröffnet, und auch das Theater sucht, wenn auch leidenschaftsloser, die Nähe zu Installation und neuen Medien sowie Rezeptionsformen der Kunst. Doch selten gelingen Ar­beiten, in denen sich Kunst...

Neue Stücke

Wie soll man leben? In Thomas Freyers neuem Stück «Das halbe Meer» versucht ein Aussteigertrüpplein auf einer abgelegenen Insel einen der Gemeinschaft verpflichteten Gesellschaftsentwurf, Tilmann Köhler inszeniert in Dresden. Juli Zeh sperrt für ihren Feldversuch «203» in Düsseldorf vier Menschen in ein Zimmer und lässt sie rundum versorgen, überwacht von...

Dramatische Distanz!

Franz WilleHasko Weber, Sie haben angekündigt, in zwei Jahren als Stuttgarter Schauspielintendant aufzuhören – nach dann insgesamt acht Jahren als Theaterleiter. Warum das? Es läuft doch gerade so gut.

Hasko WeberWir haben auch noch große Dinge vor, wenn wir nach der Interimsspielzeit im Herbst zurück ins Schauspielhaus ziehen. Aber ich halte die Entscheidung für...