Der Boden wankt
Auf den ersten Blick strahlt die Situation behagliche Normalität aus: Zwei junge Paare feiern eine Einweihungsparty. Zwischen Kisten und Möbeln stoßen Rachel und Jake mit Kitty und Edward auf deren neues Heim an. Freundschaftlich plänkelt man miteinander und bestaunt das Neugeborene von Edward und Kitty. Doch dann fällt die Frage, was man in letzter Zeit so getrieben habe, und Jake antwortet, «Ich? Naja, Rentner vergewaltigt», Rachel gibt ungerührt an, eine alte Freundin umgebracht zu haben, und Edward teilt mit, er habe «alles gefickt, was in Fickweite war».
Auch wenn wir alsbald erfahren, dass wir es mitnichten mit Psychopathen, sondern mit gängigem Smalltalk unter Anwälten zu tun haben, bei dem man nicht mehr sagt, dass ein Mandant etwas getan hat, sondern es direkt in der Ich-Form ausspricht, gerät doch der Boden, auf dem wir uns so sicher wähnen, für einen Moment ins Wanken.
Dies ist nicht die einzige Erschütterung, die die englische Autorin und Regisseurin Nina Raine mit und in «Konsens» erzeugt. Schwere, natürlich selbsterzeugte Beben bringen auch die scheinbar glücklich gebundenen, fest im Leben stehenden Figuren mächtig aus dem Tritt. Mit Anwälten und Strafverteidigern ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2018
Rubrik: Das Stück, Seite 47
von Natalie Bloch
Es entbehrt nicht der Ironie, dass Frank Castorfs Nachfolger Chris Dercon und seine Programmdirektorin Marietta Piekenbrock nach nur sieben Monaten an so etwas Banalem wie miesem Management gescheitert sind. Zweieinhalb Jahre lang hat sich schließlich die Berliner Theater- und Kunstszene die Köpfe bis zum Rauchaufstieg heißdiskutiert über der Frage, ob Castorf...
«Wir fallen uns selber zur Last und verstricken uns in uns selbst und ersticken daran fast», heißt es einmal in dem Langgedicht «Brandneue Klassiker» von Kate Tempest. Und das könnte auch das Motto für ihr Theaterstück «Wasted» sein: Drei junge Menschen, die nichts mit sich selber, ihren Körpern und Gefühlen, ihren Sehnsüchten und Verfehlungen anzufangen wissen,...
Eines der hartnäckigsten Gerüchte über Isländer lautet, dass man es hier mit einem irgendwie mythendurchtränkten Menschenschlag zu tun habe. Jede neu zu bauende Straße müsse von einem Elfenexperten abgenommen werden, heißt es, und der müsse die Naturgeister erst einmal besänftigen, damit diese das Neubauprojekt akzeptieren. Die isländische Tourismuswirtschaft lebt...
