Der Dramatiker und sein Double
Dennis Kelly rollt den Fall einer jungen Mutter auf, die überraschend ihre zwei kleinen Kinder verloren hat. War es Mord oder plötzlicher Kindstod? Diese Frage spaltet die Familie, die Wissenschaft, die Justiz und geht durch alle Medien. Kelly ist bei diesem Dokumentar-Stück ein Zuschauer, er sitzt im Publikum und mischt sich gelegentlich ein. Er fragt seine Figuren beiläufig und mehr oder weniger geschickt nach ihrer Version der Ereignisse. Sie assoziieren sprunghaft, sind öfters verlegen und verstummen. Wir befinden uns in einer Live-Interview-Situation.
Der Ehemann, der um seine Kinder trauert, spricht ihn an: «Mr. Kelly, Sie sind ein Parasit, eine Made, die niedrigste Lebensform, ein Monster, ein Aasgeier, ein widerwärtiges Stück Scheiße, und ich kann nur beten, dass sie von einer unheilbaren Krankheit befallen werden wie Krebs.» Er wirft ihm vor, dass er seinen Schmerz zu Zwecken der Unterhaltung missbrauche. Kelly lüge, wenn er sagt, dass es ihm um die Wahrheit gehe, denn es geht ihm nur um die Verwertung dieser Extremsituation in einem Theaterstück und um seine Karriere als Dramatiker. Dieser Moment beschreibt, was das Stück auszeichnet: Es organisiert die Perspektiven der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 166
von Karl Baratta
Kein Wort. Nichts. Ich weiß um meine Rechte. Und deshalb sage ich ohne meinen Anwalt gar nichts.» Die ersten Worte des bekannten Schauspielers Jan Friedberg zeigen: Etwas ist schief gegangen. In Thomas Jonigks neuem Stück «Donna Davison» dreht eine Regisseurin einen pornografischen Kunstfilm. Der Inhalt ist simpel: Ein berühmter Schauspieler und eine...
Hinlänglich dechiffriert ist der heimlich religiöse Subtext aller politischen Ideologie – die Aufhebung der Mühsal am Ende aller Zeit, am jüngsten Tag, am Ende des Kampfes, am Ende der Welt, am Ende der Revolte. Kurz mag das Religiöse also im Politischen Zuflucht gefunden haben, um bald darauf wieder ohne Obdach auf der Straße zu stehen. Aber zum Glück gibt es ein...
Ein 68er bin ich wahrlich nicht. Für Mitbestimmung hatte ich in den fünfziger Jahren demonstriert, als Teilnehmer von DGB-Kundgebungen. Da ging es darum, die paritätische Mitbestimmung der Arbeitnehmer in der Industrie durchzusetzen. Heraus kam ein Kompromiss: Die erweiterte Mitbestimmung (paritätisch besetzte Aufsichtsräte, Arbeitsdirektoren in den Vorständen)...
