Handgreifliche Debatte
Heutigen Abiturienten das Paradebeispiel der deutschen Klassik, Goethes «Iphigenie», nahezubringen, ist gewiss kein leichtes Unterfangen. Denn die mythische Vorzeit durch das Menschenbild der Weimarer Klassik betrachtet, fördert viel Erhabenes, aber auch allerhand Blutleeres zutage – Ideen statt Individuen, gedrechselte Sätze und prüde Litanei. Der frisch vom Max-Reinhardt-Seminar kommende Jungregisseur Sarantos Zervoulakos versucht hier radikal Abhilfe zu schaffen, indem er die Abipflichtlektüre als intensive, bis zur Handgreiflichkeit ausufernde Debatte inszeniert.
Aseptisch weiße Wände erheben sich um die ockerfarbene Sitzgruppe (Bühne: Raimund Orfeo Voigt). Eine halbhohe Schuhschachtel ohne Ausgang. In lässig eleganter Abend- und Freizeitkleidung drapieren sich die Schauspieler ins Mobiliar, eine Frau umrahmt von jeweils zwei Männern. Wer nicht gerade seinen Einsatz hat, verfolgt gesittet, aber erregt das Geschehen. Auf dem Boden liegen knöcheltief gelbe Reclamheftchen, durch die die Spieler im Laufe des Abends waten und straucheln. Keine trockenen Erläuterungen, sondern eine Versuchsanordnung im geschlossenen Sprachraum steht bevor. Laut Programmheft ein «Sprachkrimi». Kein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2011
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Nathalie Bloch
Ungefähr 15.000 Zeichen soll dieser Text lang werden. Nicht gerade wenig für das Porträt eines Nachwuchsdramatikers, naturgemäß aber viel zu wenig, um die ganze, komplexe Welt zu fassen zu kriegen. Und auch viel zu wenig für Wolfram Lotz. Denn wenn es nach und um Lotz geht, müsste man eigentlich Indianisch sprechen oder eine andere Sprache, die keiner versteht. So...
Andreas aus Braunschweig hat 14 Jahre Musikwissenschaft studiert und ist dann nach Paris gegangen. Promovieren, sagt er. Inzwischen lebt er auf der Straße, kann aber trotzdem Verdis «Macht des Schicksals» nach Tonarten brillant analysieren und setzt zur melancholisch-düsteren Passage in e-Moll die erste oder auch schon fünfte Molle an. Dass der verpfuschte Begabte...
Wie soll man leben? In Thomas Freyers neuem Stück «Das halbe Meer» versucht ein Aussteigertrüpplein auf einer abgelegenen Insel einen der Gemeinschaft verpflichteten Gesellschaftsentwurf, Tilmann Köhler inszeniert in Dresden. Juli Zeh sperrt für ihren Feldversuch «203» in Düsseldorf vier Menschen in ein Zimmer und lässt sie rundum versorgen, überwacht von...
