Die Vermeidung des Politischen
Natürlich wirkt Eszter not amused, als mitten in der Nacht ihre Schwester Ernella vor der Wohnungstür steht, Mann und Teenie-Tochter inklusive. Schließlich ist es keine zwölf Monate her, dass Ernellas Gatte just auf dieser Türschwelle großspurig von dauerhafter Auswanderung gesprochen hatte: Mindestens zehn Jahre lang bräuchte hier, in Budapest, niemand mehr mit ihnen zu rechnen.
Und jetzt hat sich die rosige Exil-Fantasie schon nach einem knappen Zehntel der Zeit hoffnungslos erledigt: Offenbar ist die schottische Realität steil abgefallen gegen das Wirtschafts- und Sozialparadies, das man sich in seinen sehnsüchtigen Budapester Träumen zurechtgezimmert hatte.
So genau erfährt man das allerdings leider nicht, weil der Theaterabend sich lieber in eine andere Spur wirft. Eszter (Orsolya Török-Illyés) und Ernella (Lilla Sárosdi) erfüllen hier vor allem die gute alte dramatische Funktion des ungleichen (Schwestern-)Paares: auf der einen Seite die neobürgerliche Dutt-Trägerin mit hippem arty touch, auf der anderen die herzhaft Zupackende mit leichtem Drift ins Prollige – die sich denn in Schottland auch sogleich in eine Affäre mit einer deutlich jüngeren Art Pferdeflüsterer gestürzt ...
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Theater heute März 2017
Rubrik: International, Seite 40
von Christine Wahl
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