Heringe in Hochkultur
CharakterdarstellerInnen flimmern vorbei. Diese Kolumne soll immer eine oder einen herausgreifen und bei der Arbeit beobachten, bekam aber in Vivian Naefes Keyserling-Verfilmung «Wellen» niemanden zu fassen. Sunnyi Melles, Christian Grashof, Marie Bäumer, Monica Bleibtreu und natürlich Matthias Habich tauchten alle auf und vermittelten durch ihre reine Anwesenheit ganz große Klasse. Hauptabend-Kulturanstrengung im ZDF, stark erotisch aufgeladen. Die Mimen wurden aber von den Produzenten so dick mit Gleitmittel eingeschmiert, dass sie schneller vorbeiflutschten als frisch gefischte Heringe.
Die Globalisierung ist schuld. Das 21. Jahrhundert beschert uns eine neue Angestellten-Massenkultur. Deren Zulieferer verfügen über Steuerungsmechanismen, von denen die Futuristen nur träumen konnten. Die Gesetze der neuen Kulturrevolution lauten: Nichts Eigenes wollen. Der Konvention dienen. Die neue herrschende Klasse ist ein nervöses Gebilde, das nicht verschreckt werden darf und dem nichts mehr schmeckt, was nicht nach demselben Rezept angerührt wurde wie schon alles zuvor und in ewige Zukunft immerdar. Alles muss aussehen, wie schon etwas anderes ausgesehen hat.
Diese Zielgruppe mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
So ließe sich ein gepflegter Abend für Architekten an: «Lieber Kino als Essen». Verköstigungen sind gut, doch kalorienfrei ist besser. Leider trifft sich der filmische Geschmack von Aniela und Hugo nicht im Geringsten mit den Vorlieben des Dritten im Bunde: Jannis ist Statiker und Hobby-Cineast mit einem ausgeprägten Sinn für gehobenen Splatter à la Tarantino,...
Rudolf Noelte kam aus dem Krieg. Er war früh zurück in Berlin und fand sich im heißen Sommer 1945 in einer zertrümmerten Gegenwart. Vierundzwanzig Jahre war er alt. Bisher Nachrichtentruppe, Leutnant zuletzt, nun berufslos. Er stand vor einer dunklen Zukunft – draußen vor der Tür. Vier Jahre im Krieg: Das gab tiefe Prägungen. Menschenschreckenserlebnisse. Den...
Schampus für alle. Die Party steigt im Schauspielhaus. Champagner-Flaschen gehen durch die Reihen, die Schauspieler begrüßen die Zuschauer wie alte Bekannte: «Schön, dass ihr da seid.» Die Bühne ist sowieso nur die Fortsetzung des Zuschauerraums mit anderen Mitteln (oder umgekehrt), dessen Holztäfelung wurde auf der Bühne weitergeführt, dort stehen die Stühle auch...
