Wenn der Postmann Kunst bringt

Auf der Art Basel wurde versucht, aus Skulptur Theater zu machen: «Il Tempo del Postino»

Theater heute - Logo

Das Signal zur Revolution klingt müde: Rechts an der Rampe dringt aus einem Stutzflügel ohne Pianisten langsam und monoton die Melodie José Afonsos «Grândola, Vila Morena», das in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1974 vom Radio übertragen so schwungvoll den Aufbruch zur Nelkenrevolution in Portugal gab. Hier schreibt man den 10. Juni 2009 im schweizerischen Basel.

Kunstschnee rieselt auf den offenen Schalldeckel des Pianos herab, und das handverlesene Publikum, das anlässlich der Art Basel zur Premiere von «Il Tempo del Postino» ins große Schauspielhaus geladen war, nimmt die Plätze ein. Diesen Cantus firmus zum Auftakt hatte sich der britische Künstler Liam Gillick ausgedacht hatte – er vertritt in diesem Jahr Deutschland in Venedig mit einem Nachbau einer Frankfurter Reformküche.

 

Dann stimmte sich das volle Orchester der Basel Sinfonietta ein, bevor der Bauchredner Jay Johnson mit einem riesigen Vergrößerungsglas vor dem Gesicht ausgestattet, das Publikum über die «Postman Time» und den folgenden Abend «Il Tempo del Postino» instruierte. Die 20 eingeladenen bildenden Künstler würden ihre Arbeit nicht im Raum, sondern in der Zeit entfalten. Das Objekt wäre Akt. Der Zuschauer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2009
Rubrik: Magazin, Seite 86
von Max Glauner

Vergriffen
Weitere Beiträge
Urnenasche

Der Sensenmann ist schon da. Sportiv schwingt er im Mainzer TiC sein Instrument, das mikrofonverstärkt zischt, während um ihn herum das Chaos regiert. Drei Frauen haben es angerichtet, die in ihrer Wohnhölle ein letztes Mal Familie zelebrieren, bevor das Haus verkauft ist und eine neureiche Russin einzieht. Die Mutter schwelgt in Fotoerinnerungen, die zwei Töchter...

Umarmung für alle

Die Stimme kommt einem so bekannt vor. Ist das nicht …? Doch, das ist er: Stefan Schmidtke, der Direktor des Festivals Thea­terformen in den Jahren 2007 und 2008. Vor Schmidtkes Amtsantritt hätte das hannoversch-braunschweigische Festival beinahe einen schönen Sparposten im Kulturetat der niedersächsischen Landesregierung abgegeben – dann aber wurde es, besonders...

Dem Körper Gewicht geben

Elegant schlägt die Frau im weißen Petticoatkleid und Pumps auf ihrem Stuhl sitzend die Beine übereinander. Ein Mann im dunklen Anzug steht etwas schüchtern vor ihr und versucht, ihr Komplimente zu machen. «Ein schönes Kleid haben sie da», sagt der Mann. «Dankeschön», erwidert die Frau. Doch jetzt verschlägt es ihm die Sprache. Er weiß nicht weiter, woraufhin ihm...