Der Rest ist Spielbank

Elfriede Jelinek «Die Kontrakte des Kaufmanns» (Schauspiel Frankfurt)

Theater heute - Logo

Was vom Abend übrig bleibt, ist ein Jeton. Zumindest, wenn man ihn nicht in der Pause verspielt hat. Die Pause nämlich dient nicht nur der allgemeinen Blasenentleerung, sondern
bedient den kollektiven Spieltrieb. Es gibt Sekt, Casinotische und ein Szenario, das die eigentliche Aufführung vorher und nachher ziemlich in den Schatten stellt.

Erst zögerlich, dann wie ausgehungert stürzen sich die Menschen, eben noch Zuschauer, jetzt Akteure, auf die Croupiers und ihre mit grünem Velours bespannten Tische, verjubeln ihr Spielgeld beim Black Jack, drängen sich, zunehmend aggressiver, beim Roulette. Es wird gezockt, was die Bank hergibt, und spätestens beim dritten Sekt hat jeder vergessen, dass er hier eigentlich im Theater ist.

Schließlich wird Elfriede Jelineks «Die Kontrakte des Kaufmanns» in der ehemaligen Diamantenbörse gegeben, einem seit langem leerstehenden hässlichen Hochhaus in der Frank­furter Innenstadt. Hier ist Jelineks prophetisches Werk, das knapp vor der Finanzkrise entstanden und von Geldgierskandalen inspiriert ist, am richtigen Ort. In den 70er Jahren war die Diamantenbörse ein Symbol der Kapitalvernichtung: Die Erbauer und Gründer, ein schillernd-zwielichtiges Duo ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2011
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Paula van Bergen

Weitere Beiträge
Dramatische Distanz!

Franz WilleHasko Weber, Sie haben angekündigt, in zwei Jahren als Stuttgarter Schauspielintendant aufzuhören – nach dann insgesamt acht Jahren als Theaterleiter. Warum das? Es läuft doch gerade so gut.

Hasko WeberWir haben auch noch große Dinge vor, wenn wir nach der Interimsspielzeit im Herbst zurück ins Schauspielhaus ziehen. Aber ich halte die Entscheidung für...

Bei sich geblieben

Zu Beginn noch einmal einer dieser magischen Momente, die das Theater des Dieter Dorn in den 1980er Jahren (damals noch an den Münchner Kammerspielen) berühmt gemacht haben: Die leere Bühne, aufgerissen bis zur weißgetünchten Brandmauer, ein wenig Nebel über den Brettern, so dass einen prä-paradiesischen Augenblick lang an diesem wüsten Ort alles möglich scheint....

Tragödie auf der Couch

Die Herren stehen etwas verschüchtert im Halbkreis und blicken freundlich betreten nach allen Seiten. Kein Wunder, schließlich sind die meisten von ihnen zwar bühnenerfahren, aber keine Schauspieler: nämlich die netten Jungs der Hamburger Nette-Jungs-Band Kante. Jetzt dürfen sie in Friederike Hellers «Antigone» zwar ihre Instrumente mitbringen und wie im...