Von der Wirklichkeit überholt
Es hat etwas Genüssliches, wie in diesem «Othello» das rassistische Vokabular für die Beleidigung von Schwarzen angesammelt wird. Neger, Nigger, Hottentott, Makake, Molukke, Kaffeesatz oder Urwaldkönig nennen Othellos Soldaten ihren Heerführer. Sie essen demonstrativ Nutella, das sie «Othella» nennen, und auch die neueste Version des Kolonialsprechs, mit dem weiße Menschen schwarze «POC» nennen, weil eine politisch korrekte Theorie meint, «People of Colour» sei eine rassismusfreie Ansprache zur Gewissensberuhigung linker Kulturbürger, wird hier in die Pöbeleien einbezogen.
Aber diese Chauvinisten ohne verbale Beißhemmung reden genauso über Frauen, Schwule und «Ziegenficker», denn ganz offensichtlich war es die Absicht des Autorengespanns Christian Tschirner und/oder Robert Schuster, die sich das Pseudonym «Soeren Voima» teilen, mit ihrer Adaption von Shakespeares «Mohr von Venedig» den dünnen Firnis der Wohlerzogenheit zu zerreißen, unter dem die «Breitbart»-Seele der modernen Hassnatur zum Vorschein kommt. In einem Dschungelcamp der verbalen Ekeligkeiten, das mit Tarnnetzen, Nato-Zelt und mobilem Kompagnie-DJ den Krieg als geile Quoten-Show feiert (Bühne: Maria Alice Bahra), ...
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Theater heute März 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Till Briegleb
1989 fanden in der Prager Nationalstraße Demonstrationen statt, die nach einigen Tagen in die sogenannte Samtene Revolution mündeten. Die einerseits das stalinistische Regime hinwegfegte, andererseits das Doppelstaatsgebilde Tschechoslowakei implodieren ließ und das Land einem radikalen Raubtierliberalismus aussetzte.
Besonders samten geht es bis heute zumindest...
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