Von erschlichenen Unfreiheiten der Kunst
Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit.» So steht es in goldenen Lettern über dem Eingangsportal der Wiener Secession. Passanten, die diesen Spruch lesen, spüren jedoch im Rücken schon das Hauptquartier eines Glücksspielbetreibers und Kulturgroßsponsors, das sich an der gegenüberliegenden Seite der Wienzeile befindet. Es gibt wohl kaum einen anderen gesellschaftlichen Bereich, der die Frage nach der Freiheit so vehement und unermüdlich stellt wie die Kunst.
Immer wieder loten Künstlerinnen und Künstler den Rahmen des Erlaubten aus, übertreten Anstandsgrenzen, brechen die allgemeinen Regeln der Ordnung und zeigen damit auch die gesamtgesellschaftliche Verfasstheit des Freiheitsbegriffs auf. Die Kunst rührt die Verhältnisse immer wieder auf, was echauffierte Bürgerinnen und Bürger schon mal zu der Frage drängt: «Darf denn die Kunst das?» Dabei gilt, je unangenehmer die Wahrheit, die die Kunst zutage fördert, desto lauter die Klage. Einige Schritte von der Secession entfernt hatte Christoph Schlingensief seine «Ausländer raus!»-Container aufgestellt, die täglich für Tumulte auf dem Platz vor der Staatsoper sorgten. Eine ältere Dame in Rage hatte Schlingensief damals aus Mangel ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen der Kunstfreiheit, Seite 92
von Ferdinand Schmalz
Bei Shermin Langhoff hängt ein Kunstwerk von Silvina Der-Meguerditchian, auf dem steht «Dert var gelir geçer, dert var deler gider» – es gibt Sorgen, die kommen und gehen, und es gibt Sorgen, die kommen, hinterlassen ein Loch und gehen dann. Diese Löcher untersucht Yael Ronen in ihren Stücken.
Das tut sie wie eine Therapeutin, eine Schamanin, eine Vermittlerin zur...
Oft führt man Gespräche mit Kolleg*nnen und Freunden über die Frage, ob etwas Kunst ist, und wenn ja, darf es das? Selten führt man ein Gespräch mit jemanden wie Thomaspeter Goergen, der Dramaturg und Jurist zugleich ist.
Dieses Gespräch habe ich kürzlich mit ihm geführt, und wir kamen auf folgende Gedanken.
Der Jurist sagt, die Kunst ist frei, und hat...
Europa wahrhaftig zu verteidigen bedeutet, die Idee von Europa zu schützen und eben nicht die Grenzen. Konstantin Küsperts Stück kann als ein leidenschaftliches Plädoyer für ein (europäisches) Engagement gelesen werden. Was macht Europa aus, fragt das Stück, sind es die Werte der Aufklärung, die Werte von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Oder ist Europa nur...
