Bleib zuhause!
Von einer Übersiedelung nach Marseille ist dringend abzuraten. Zumindest wenn man sich die Fallbeispiele auf der diesjährigen Berlinale vor Augen führt. In Jan Krügers Forumsbeitrag «Auf der Suche» erleidet Volksbühnen-Novize Trystan Pütter in der Rolle eines ausgewanderten Arztes in der sonnig grauen Mittelmeerstadt den totalen Selbstverlust: Drogen, Affären mit beiderlei Geschlechtern (obwohl Simon eigentlich homosexuell ist), schließlich Selbstmord, oder doch bloß eine Überdosis? In jedem Fall: bitter.
Bitter auch, wie sich Thalia-Ensemblegröße Felix Knopp als Hochstapler in Jan Schomburgs Panorama-Film «Über uns das All» von seiner Ehefrau (Sandra Hüller) davonstiehlt. Erst täuscht er ihr einen prächtigen Uni-Abschluss in Medizin vor, dann heißt es: Komm, wir ziehen nach Marseille. Schließlich reist er schon mal vor, um sich alsbald in der Gluthitze des Südens mit Abgasen aus seinem Auto selbst aus dem Verkehr zu ziehen. Allons enfants de la patrie – Marseille, ein betoniertes Grab für heimatferne Melancholiker.
Virtuosinnen der Verdrängung
Die 61. Berlinale – aus dem Theaterblickwinkel angeschaut – war ein Filmfest der Identitätsstöbereien, ein Fest, auf dem mal mehr, mal ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2011
Rubrik: Berlinale, Seite 38
von Christian Rakow
Es waren vergleichsweise idyllische Zeiten, als Festivalmacher wie kleine James Cooks durch die Welt reisten und interessante Theaterkompagnien entdeckten, als wären es unbekannte Inselgruppen. Man packte eine New Yorker Off-Off-Produktion ins Körbchen, ließ sich vom Direktor eines argentinischen Hinterhoftheaters unter den Tisch saufen und steckte, vom Kollegen...
Matthias Lilienthal, 1992–1999 Chefdramaturg an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz unter Frank Castorf, Programmdirektor für «Theater der Welt 2002» in Bonn, Düsseldorf, Köln und Duisburg. Seit September 2003 ist er künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des HAU. Das Regiekollektiv Rimini Protokoll zeigt und erarbeitet kontinuierlich Produktionen am HAU...
Zu Beginn noch einmal einer dieser magischen Momente, die das Theater des Dieter Dorn in den 1980er Jahren (damals noch an den Münchner Kammerspielen) berühmt gemacht haben: Die leere Bühne, aufgerissen bis zur weißgetünchten Brandmauer, ein wenig Nebel über den Brettern, so dass einen prä-paradiesischen Augenblick lang an diesem wüsten Ort alles möglich scheint....
