Roland Schimmelpfennig: «Die Sprache des Regens», S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 22 Euro
Verschränkte Schicksale
Was sind das für Orte, wo hat man sie schon einmal gesehen? Am Schwarzen oder am Kaspischen Meer vielleicht? Vergessene Siedlungen am Wasser, aufgelassene Häfen. Draußen auf der trüben See verrostete Ölförderanlagen, die schon lange nichts mehr zutage fördern; am Land der Teer der Straßen brüchig, die Fassaden der Häuser schrundig, freiliegende Stromleitungen baumeln in der Luft, die salzig und rußig schmeckt, ungesund riecht.
Die Menschen laufen gebeugt, als würde sie ein riesiger Daumen im Genick herunterdrücken, und sie schauen sich nicht an, blicken auf den Boden, der Risse hat. Früh und nachts karren graugrüne Busse oder offene Lastwagen die Arbeiter von da nach dort, und keiner weiß so recht, warum.
«Der böse Blick, Geistererscheinungen, weinende Spiegel, Seelenwanderungen, Beschwörungen, Tauschgeschäfte von Leben und Tod: Darüber sprachen die Männer und Frauen auf den Lastwagen oft, auf dem Weg zu den großen Feldern ...», schreibt Roland Schimmelpfennig und zeigt uns seine Figuren als ein vergessenes Volk mit dem Hang zum Fantasieren und zum Aberglauben, weil der wirkliche Glaube an eine
irgendwie bessere, zumindest einigermaßen erträgliche Welt noch nie geholfen hat. ...
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Theater heute Dezember 2017
Rubrik: Bücher (12 17), Seite 50
von Bernd Noack
Es beginnt mit einer Pannenserie. Erst zerschellt in der Russendisko namens «Cherry Orchard» eine kirschrote Ballonlampe auf der verlassenen Tanzfläche. Dann verschüttet der aufgeschreckte letzte Gast am Tresen den Drink. Sein Glas klirrt, Barfrau Dunjascha resümiert: «Scheiße.» Womit das erste Wort am Theater Freiburg unter der Intendanz von Peter Carp nüchtern...
Kein bisschen ist zu spüren vom Schrecken des Eises und der Finsternis in Jörn Klares Monodrama «Höhenrausch». Da schickt er einen Extrem-Bergsteiger hinauf in die absolute Einsamkeit, lässt ihn an Leib und Seele spüren, dass man ein Nichts ist in diesen Weiten und dieser schroffen Leere, über der die Endlosigkeit liegt – und der wackere Kletterer hat nicht viel...
Lasset die Kindlein zu mir kommen! In der Pose des gütigen Vaters, der kleine Jungs und Mädels liebevoll in die Backen kneift, haben sich Diktatoren, wie kinderlos auch immer, stets gerne abbilden lassen. Von Wladimir Iljitsch Lenin sind solche Aufnahmen nicht überliefert, was schlicht daran liegen mag, dass die Zeit seiner Herrschaft zu kurz und zu unruhig war,...
