Wut war mal
«Bell doch mal!», sagt der Typ im Anzug auffordernd. «Bell mal, so richtig laut, wütend, aggressiv!» Wie Coachs so reden. Der Response der Klienten ist allerdings unbefriedigend: ein klägliches «Miau!», ein leises Röcheln, müdes Wauen. Wut war mal.
Knapp zwei Wochen nach einer Bundestagswahl, bei der 15 Prozent des Wahlvolks einen denkbaren Zorn auf deregulierende Finanzkrisenverursacher in die höchste Bestätigung (neo-)liberalen Denkens der Nachkriegszeit umgemünzt hatte, traf «Trust» wie die Faust aufs Auge des weltumspannenden Vertrauensverlusts, der hierzulande einfach keine Folgen zeitigen will. Und mitten ins Herz der Vertrauenskrisen im heimischen Wohnzimmer. Denn das Schlingern des englischen Titelbegriffs zwischen eiskaltem «Großkonzern» und herzerwärmendem «Vertrauen» übersetzen Autor/Regisseur Falk Richter und Choreografin Anouk van Dijk in ihrer zweiten Zusammenarbeit, neun Jahre nach «Nothing hurts», in Sprache und Körper, in denen sich das kollektive Wutversagen im privaten Verstummen spiegelt. Der betrogene Kay bringt folglich auch nicht mehr als eine schlaffe «Miau»-Haltung zustande, wenn ihm Gattin Judith bestgelaunt mitteilt, dass sie gerade mit dem x-ten ...
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Das Worst-Case-Szenario sieht in diesem Fall wie eine Mischung aus altmodischem TV- oder Rundfunkstudio, Kraftwerks-Kontrollraum und Raumschiff Enterprise aus. Die Schauspielerinnen und Schauspieler blicken uns durch ein in die hintere Wand der Bühne geschnittenes Panoramafenster an; sie haben große Kopfhörer auf und verschiedene bunt blinkende Lämpchen im Rücken....
Im ersten Morgen in Peking steht auf Seite eins der englischsprachigen Zeitung «China Today», dass die Volksrepublik in fünf Jahren die USA auf Platz eins der Wirtschaftsmächte ablösen wird. Möglicherweise, erwägt der Kommentator lässig, auch schon zwei oder drei Jahre früher. Selbstbewusste Einschätzung, sportliche Ansagen: So habe ich mir das neue China...
Der erste Eindruck ist überwältigend: der Transrapid, der mit kaum gefühltem Tempo 430 ins Zentrum gleitet; Schnellstraßen, die in mehreren Etagen übereinander die Stadt durchschneiden; die glitzernden Fassaden von ein paar hundert der insgesamt 4.000 Wolkenkratzer rechts und links der Highways; grellbunte Werbeblöcke als 24-Stunden-Service vom Taxi-Fernsehen bis...
