Die Willkür der Diktatur

In Hamburg steuert Luk Perceval Falladas «Jeder stirbt für sich allein» an allen Rührseligkeiten vorbei

Theater heute - Logo

Der Führer hat mir meinen Sohn ermordet», steht auf der ersten von 276 Postkarten, die das Ehepaar Quangel in den Jahren 1940 bis 1942 wie Flugblätter in Berliner Mietshäusern auslegt. Ganze achtzehn davon, erklärt der Gestapo-Kommissar Escherich dem Widerständler Otto Quangel nach dessen Verhaftung, seien nicht bei ihm abgeliefert worden. «Achtzehn Karten!», schreit Escherich dem zum Tode verurteilten Häftling fassungslos ins Gesicht.

«Das ist doch lächerlich! Was haben Sie sich denn gedacht, Quangel? Sie, ein einfacher Arbeiter, haben gegen den Führer kämpfen wollen, hinter dem die Partei, die Wehrmacht, die SS, die SA stehen?»

So grobschlächtigkeitsangeekelt und karrieremüde, wie André Szymanski diesen Escherich versteht, bleibt hier mustergültig offen, was ihn mehr in Rage bringt: Der eher naive oppositionelle Akt an sich oder seine politische Wirkungslosigkeit, Quangels Widerständigkeit oder die – aus Escherichs Perspektive – Sinn­losigkeit seines Todes. Klar ist lediglich, dass dieser biedere kleine Aktentaschenträger, der da in Gestalt von Thomas Niehaus völlig un­verkrampft vor ihm steht und die aufreizende Ruhe eines mit sich selbst einverstandenen Menschen ausstrahlt, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Alter Slawe!

Nein, «der Frank» habe damit nichts zu tun, meint Hendrik Arnst alias Jaroslaw Iljitsch alias typischer russischer Kleinbürger voll bauernschlauer Schlitzohrigkeit ganz zum Schluss. Der Frank sei ein alter Mann und sowieso seit drei Jahren in Bayreuth, wo die Opern-Welt im Sommer Castorfs «Ring» erwartet.

Ganz so unbeteiligt wird Frank Castorf an seiner jüngsten...

Konstruktionsmaschine Theater

Wer möchte in dieser Haut stecken? Die etwas über 50-jährige Ich-Erzählerin in Friederike Mayröckers «Reise durch die Nacht» kreist weitgehend formlos um einen toten Vater, zwei möglicherweise früh verstorbene Kinder, diffuse Erinnerungsblitze, Probleme mit dem Erzählen wie mit dem Handeln, ihre panisch betriebene «Schreibarbeit», eine unverzichtbare, dabei...

Kaufrauschen und Kaltfeuerwerk

Ein Geburtstagsgeschenk der besonderen Art zum 100. Jubiläum der Münchner Kammerspiele hat sich Intendant Johan Simons von Elfriede Jelinek gewünscht: ein Stück über Mode und die Maximilianstraße. Und weil Jelinek das Schreiben nach eigener Aussage ja als eine Art Dauerüberlebensprogramm betreibt und dafür ohnehin ständig neuen Stoff braucht, lässt sie sich unter...