Die Willkür der Diktatur
Der Führer hat mir meinen Sohn ermordet», steht auf der ersten von 276 Postkarten, die das Ehepaar Quangel in den Jahren 1940 bis 1942 wie Flugblätter in Berliner Mietshäusern auslegt. Ganze achtzehn davon, erklärt der Gestapo-Kommissar Escherich dem Widerständler Otto Quangel nach dessen Verhaftung, seien nicht bei ihm abgeliefert worden. «Achtzehn Karten!», schreit Escherich dem zum Tode verurteilten Häftling fassungslos ins Gesicht.
«Das ist doch lächerlich! Was haben Sie sich denn gedacht, Quangel? Sie, ein einfacher Arbeiter, haben gegen den Führer kämpfen wollen, hinter dem die Partei, die Wehrmacht, die SS, die SA stehen?»
So grobschlächtigkeitsangeekelt und karrieremüde, wie André Szymanski diesen Escherich versteht, bleibt hier mustergültig offen, was ihn mehr in Rage bringt: Der eher naive oppositionelle Akt an sich oder seine politische Wirkungslosigkeit, Quangels Widerständigkeit oder die – aus Escherichs Perspektive – Sinnlosigkeit seines Todes. Klar ist lediglich, dass dieser biedere kleine Aktentaschenträger, der da in Gestalt von Thomas Niehaus völlig unverkrampft vor ihm steht und die aufreizende Ruhe eines mit sich selbst einverstandenen Menschen ausstrahlt, ...
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Theater heute Dezember 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Christine Wahl
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