Braun verbrannt
Mit seinen langen, zotteligen Haaren sieht der junge Mann (Philipp Grimm), der sich da am Esstisch des hell und schlicht ausgestatteten Männerwohnheims als Hitler vorstellt, beinah aus wie eine Jesus-Karikatur. Oder wie ein junger Student auf dem Selbstfindungstrip. Ein schwer verunsicherter allerdings, einer, der sich aus einem innigen Verhältnis mit der Mutter und einem schweren Konflikt mit dem Vater in die Kunst geflüchtet hat. Seine Mappe mit kitschigen Aquarellen im Zwielicht trägt er immer bei sich, sie ist das einzige, an das er sich klammert.
Schwer zu glauben, dass dieser anstregende Typ, der so verspannt ist, dass er sich immer wieder zum Kacken mitten auf die Bühne hockt, ausgerechnet in dem unaufgeregten, im Schlabberlook agierenden Juden Schlomo (Hans-Werner Leupelt) einen väterlichen Freund und Unterstützer findet. Und umso tragischer, dass es erst dieser gutmütige Kerl ist, der Hitler die Langhaarmähne und den ausufernden Bart abrasiert und ihn mit angegelten Haaren und dem nur allzu bekannten Bärtchen für die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule tauglich macht.
Und zum ersten Mal den diabolischen Hass seines Schützlings auf sich zieht, als dieser nach der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August-September 2014
Rubrik: Chronik: Braunschweig, Seite 65
von Alexander Kohlmann
Sie tanzt. Gefühlt hundert Mal wird das Bild von Daniela Keckeis auf die Leinwände oberhalb der Bühne projiziert, auf der die Schauspielerin eine 1930er Cabaret-Nummer in ebensolchem Kostüm hinlegt und schließlich ihren Körper in schönster Wuttke-Manier zum Hakenkreuz formt. Unten singt sie dazu als Marianne Hoppe in einem von Silke Bauer installierten Kasten einen...
Gott ist nicht tot. Nur einfach nicht da. Stattdessen ragt ein Kran von einer mehrstöckigen Plattform krakenhaft ins Nirgendwo. Das Studierzimmer: eine Schmuddelecke mit Waschbecken, und auch sonst hat sich einiges verändert im meistzitierten deutschen Drama, und das mit Recht, versteht sich, «denn alles, was entsteht/Ist wert, dass es zugrunde geht …» etc. pp....
Genet wusste sehr genau zu unterscheiden. Er sei «ein Mann der Revolte», gab er Hubert Fichte 1976, zehn Jahre vor seinem Tod, zu Protokoll, keineswegs der Revolution. «Wenn eine wirkliche Revolution stattfände, könnte ich nicht dagegen sein. (...) Ich möchte, dass die Welt sich nicht verändert, damit ich mir erlauben kann, gegen die Welt zu sein.» Er hätte auch...
