Moral als Fetisch
Was tun, wenn das Leben nach dem Lustprinzip einen Sättigungsgrad erreicht hat, der jede Steigerung zur Mühsal werden lässt? Wenn Ausschweifung nur noch anstrengend ist und nicht einmal die Macht mehr müde Männer munter macht? Man könnte sich entspannt zurücklehnen und einfach abwarten, bis sich die Libido von selber wieder regt. Oder man inszeniert – um die erschöpfte Begierde künstlich anzufachen – ein perfides Rollenspiel, in dem alles, was bisher gefiel und erlaubt war, auf einmal bei Todesstrafe verboten ist.
Shakespeare lässt in seiner dark comedy «Maß für Maß» um scheinheilige Strenge und verkapptes Laster viele Rätsel offen, doch wenn Stefan Pucher, Meisterregisseur kalter Herzen unter glühender Oberfläche, etwas nicht interessiert, dann sind es bohrende Fragen nach einem Warum. Warum sich auf eine zwängende Logik festlegen? Warum Stellung beziehen zu heiklen Themen wie dem richtigen Regieren, wenn das «Wie?» so viele schillernde Facetten zulässt? Der dunkle Spiegel, den Shakespeare seinen Zeitgenossen vorhielt, ist zersprungen. Das suggeriert zumindest Chris Kondeks Anfangsvideobild auf dem Eisernen Vorhang der Münchner Kammerspiele, und auch im weiteren Verlauf des gerade ...
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Adolf Hitler war ein verschrobener Kerl, dem die Hände zitterten. Andreas Baader war ein ungehobelter Macho, der gern mit Pistolen fuchtelte. Claus Graf Stauffenberg war ein Aristokrat der Tat, der beinahe das Schicksal ausgebremst hätte. Die DDR war ein dekadentes Funktionärsregime, in dem Kunst nur der Anbahnung von Sex diente. Die DDR war ein Paradies mit...
Eine verkehrte Welt ist das, diese Welt nach dem Krieg. Die Toten mischen sich unter die Lebenden, Identitäten lösen sich auf in einem Meer von Ungewissheiten, und überall streunen Hunde herum, werden zu ersehnten Kindern, Hoffnungsträgern oder unheilvollen Widergängern.
Auch wenn der reale Krieg kein ausdrückliches Thema in Biljana Srbljanovics Auftragsstück für...
Zum Schluss sitzen da zwei Menschen erschöpft nebeneinander, ein Paar, das sich nichts geschenkt hat, sichtlich abgekämpft, aber dennoch ein Paar. Er schocksteif, mit schreckgeweiteten Augen und noch immer festgezurrter Krawatte, sie, im blutrot geblümten Abendkleid, leicht derangiert, den Kopf an seine Schulter gelehnt. Wüsste man nicht, dass gerade jeder von...
