Sympathy for the devil

nach Bulgakow «Der Meister und Margarita» (Staatsschauspiel, Werkhalle)

Theater heute - Logo

«Ich bin der Meister», zischelt er. Nun ja, kann jeder mal so kühn behaupten. Falls lange
Unterhosen, löchrige Filzlatschen, schlurfende Schritte und ein irres Flackern im Blick dort-
zulande einen meisterlichen Aufzug hermachen, wird es wohl stimmen.

Dortzulande ist eine Adresse zwischen Traum und Trauma, eine geräumige Absteige in der Sadowaja, totalitäres Moskau, eine aus der Zeit gefallene Wohnung, die alles sein kann, Anstalt und Blocksberg, Künstlerküche und Straßenbahn, Ostblock und Naher Osten, Höllentor und Golgatha, Realistenkiste und Animationsstudio.

Volker Hintermeier hat diese Bühne in die Werkhalle der Stuttgarter Interimsspielstätte gebaut, mit einer Hingabe, dass jedem Ostalgietrödler das Herz aufgehen muss. Ein perfekter Bulgakow-Schauplatz, wo die schmuddeligsten Literaten die aufregendsten Frauen abkriegen. Weil sie Meister in der Menschenliebe sind. Die Frau heißt in diesem Fall Margarita (Nadja Stübiger), sieht aus wie eine Doppelagentin, strahlt aber eine musische Aura aus; dank ihr überwindet der regimefeindliche Bettelliterat seine Angst vor der Angst. Und vollendet sein Manuskript.
Win-win? Weit gefehlt. Sieger bleibt immer der Teufel. In Stuttgart klettert ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2011
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Stephan Reuter

Weitere Beiträge
Rausch und Renitenz

Es war 1995 bei den Proben zu «Nibelungen – Born Bad». Herbert Fritsch, der den Hagen spielte, hatte sich als Kostüm ein Kettenhemd­röckchen, langes Blondhaar und schwarze Strumpfhosen ausgesucht. Als besonderen Clou bestellte er in der Schlosserei für jeden Auftritt ein immer größeres Schwert, das er schließlich in voller Bühnenbreite über die Szene schleifte. Da...

Der badische Renditebürger

Wir sind im Nordschwarzwald, der ganz plötzlich zu einem Arizona für arme Badener wird. Der Grund ist dieser Dauerpraktikant Friedrich, der eine Goldader irgendwo im dunklen Forst erfindet, eine Superren­dite verspricht und die imaginäre Wertschöpfungskette dem Chef seiner letzten Praktikumsfirma verkauft. Auf Dauer kann das nicht funktio­nieren, also versucht...

Aufführungen

Nein, es ist keine Romanbearbeitung, mit der Michael Thalheimer seine erste Regie an der Berliner Schaubühne vorstellt. Der Großromancier Lew Tolstoi hat 1886 mit «Die Macht der Finsternis» ein veritab­les Drama, fünf Frauen, sechs Männer, um die Gier, das Geld und den Tod geschrieben. Sechs Jahre früher hat der sehr junge Kollege Tschechow seinen müden...