Mainz Staatstheater, Großes Haus
Eine Erinnerung, verschwommene Bilder, die Stimme des sich erinnernden Mediums aus dem Off, während die Vergangenheit in einer von unendlich vielen subjektiven Versionen in verschwimmenden Bildern wieder auflebt. Ein klassischer Filmmoment, der durch die Montage der Bilder und Töne im Kino erfahrbar wird. Und tatsächlich auch der magischste Moment des Mainzer Theater-Orientexpress, der nach seinem Start im schweizerischen Winterthur am Rhein angekommen ist.
Denn auch Regisseur Viktor Bodó montiert, wie die von ihm verehrten Filmvorbilder.
Die verdächtige Gräfin (Lisa Mies) räkelt sich erotisierend und räsonierend im Gepäckwagen, der Detektiv (Jost Grix) dringt in sie, wie es denn nun eigentlich gewesen sei. Das Licht wird schummrig, die Filmmusik (Klaus von Heydenaber) spielt auf, und als die Wand mit den Türen zu den Schlafabteilen hinunterfährt, durchlebt sie noch einmal ihre Version der Vor- gänge der Mord-Nacht, bevor der Gang im Schnürboden verschwindet und sich die Figuren im Gepäckwagen, im Hier und Jetzt wiederfinden.
Es ist das große Wunder der Inszenierung, dass es ihr gelingt, im Theater das Puzzlespiel von Vergangenheit und Gegenwart, von Träumen und Lügen präzise zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2012
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Alexander Kohlmann
Die Gehilfin räumt auf. Es soll ja alles spurenfrei und sauber sein für «Die Unter–richtsstunde» im Theater Basel. Eine frische Schülerin läutet. Schnell den Tisch gewischt, eine herrenlose Tasche in die Truhe gepfeffert, die alten Formeln auf der Tafel ausgelöscht, das Transistorradio in der Schürze abgewürgt. Schon stiefelt die Haushälterin (Nikola Weisse) zur...
Julia Wieninger steht in einer Küche mit Umzugskartons und spielt Julia Wieninger, die gerade nach Köln gezogen ist. Sie erzählt, wie sie Hanna auf der Straße vor dem Theater angesprochen hat, nach wochenlanger Suche in Büdchen, Museen und U-Bahnen. Und dann klingelt es an der Tür, Julia Wieninger verlässt die Bühne – und kommt als Hanna wieder herein. Das Haar zum...
Ferner ist keiner. 200 Jahre ist Kleist nun tot, ein Doppelselbstmord am Wannsee von einem, «dem auf Erden nicht zu helfen war». Radikaler, unversöhnter mit dem Relativierenden des alltäglichen Lebensvollzugs in der «gebrechlichen Einrichtung der Welt» als Kleist war keiner unserer Klassiker. Im Zeitalter von Ironie, achselzuckendem Laissez-faire und ideologischer...
