Knacks und Komik

Dennis Kelly «Schutt»

Theater heute - Logo

So was nennt man wohl «schwierige Kindheit»: Wenn sich der Papa im Wohnzimmer mit der Klage «Mein Sohn, mein Sohn, warum hast du mich verlassen?» per Selbsttötungsmaschine an ein Holzkreuz nageln lässt, dann hat der 16-jährige Sohnemann sicherlich das Anrecht auf einen heftigen Knacks. Und wenn das Töchterlein im verwesenden Leichnam der Mutter heranwachsen muss, dann ist es nicht verwunderlich, dass die Kleine ein bisschen gestört ist. Michael und Michelle haben solch eine schreckliche Sozialisation durchlitten. Sagen sie.

Denn ob die beiden Geschwister diese verrückten Familiengeschichten wirklich erlebt oder nur erdacht haben, das lässt Dennis Kelly während der neun Szenen seines Dramas «Schutt» reizvoll in der Schwebe. 

Der Autor ist noch so ein junger Wilder von der Insel. Wie vor ihm seine britischen Kollegen Mark Ravenhill, Sarah Kane oder Enda Walsh schrieb er ein schmutziges kleines Sozial-Stück – 2003 uraufgeführt in London, 2004 in deutscher Sprache erstmals in Wien auf die Bühne gebracht. Die Mono- und Dialoge flutschen wie geschmiert dank der üblichen Zutaten: Blut und Tränen, Kot und Kotze, Rotz und Sabber. Nur Sperma tröpfelt keins. Vor dem pädophilen «Mister ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2005
Rubrik: Chronik, Seite 38
von Jenny Schmetz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Der Boulevard ist nicht blöd

André Jung ist Thorsten Fechner. In zweiter Linie. In erster Linie ist André Jung natürlich Harpagnon, der Geizige von Molière, aber dieser Jungsche Geizige kommt nun in all seinen geldgierigen und triebunterdrückten Äußerungen exakt genau so daher wie der ebenfalls äußerst geizige Thorsten Fechner aus der ARD-Daily-Soap «Marienhof». Außerdem ist «Marienhof» die...

Chor der Demoralisierten

Der Skandal blieb aus, «die» Entdeckung ist es dann aber auch nicht gewesen: Als das Theater in Erlangen ankündigte, ein ausgegrabenes Stück des kommunistischen jüdischen Publizisten Alfred Kantorowicz (1899– 1979) uraufzuführen, das auch noch drohend den nackten Titel «Erlangen» trägt, witterten manche Bürger in einer Inszenierung des 1929 geschriebenen Dramas...

Sensibler blasser runder Po

Die Achtziger sind endlich auch auf dem Broadway angekommen. Während Vokuhila-frisierte Dreißigjährige in den Nachtclubs des Hipster-Stadtviertels Williamsburg schon seit geraumer Zeit zum Mixtape-Soundtrack ihrer frühen Jugend tanzen, kann man die nostalgischen Geschmacklosigkeiten der Reagan-Ära jetzt auch im Westen von Manhattans Midtown bewundern. Das frisch...