Beobachtungen der dritten Art
Die Betrachtung von Kunst ist ein Schauspiel, an dem sich einiges ablesen lässt. Etwa der Stellenwert, den die Zuschauenden der Kunst beimessen, aber auch der Rang, den die Betrachtenden sich selbst einräumen.
Ob sie die Kunstbetrachtung als Ritual in eigens dafür errichteten Räumen zelebrieren, ob und wie sie darauf reagieren: mit Fragen, Deutungen oder heftigen Emotionen, ob sie das Werk ignorieren, womöglich gar nicht als solches erkennen und sich lieber gleich mit sich selbst oder untereinander beschäftigen, ob sie sich als Connaisseure im Wettstreit oder als Genießerinnen eines Luxusprodukts aufführen, ob sie durch die gemeinsame Betrachtung zu einer Gemeinschaft werden – all das erzählt eine Menge über das Selbstverständnis der Kunstbetrachter und ihr Verhältnis zum Kunstwerk.
Die Regisseurin Anta Helena Recke fügt diesem Vorgang noch eine weitere Ebene hinzu, indem sie ihn auf die Bühne der Münchner Kammerspiele bringt – also vor ein Publikum, das somit anderen Zuschauern beim Zuschauen zuschaut. «Die Kränkungen der Menschheit» zeigt drei verschiedene Situationen rund um eine übermannshohe Museumsvitrine, zu der drei Stufen hinaufführen und in der nur zwei massive, schön ...
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Theater heute November 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 30
von Eva Behrendt
«The End» prangt von Beginn an als Leuchtreklame auf dem Königs-Bungalow, und der Horizont dahinter wölkt sich in Nina Pellers Bühnenbild leuchtend wie im Abspann eines 50er-Jahre-Westerns in Technicolor. Doch das Ende ist das eine, was danach kommt, das andere. Weg mit den weißen alten Männern, das ist inzwischen fast überall der Konsens der Stunde; und...
Die Natur, die Goethes Werther einst schwärmerisch zu umfassen suchte, ist brüchig geworden. Sie ist ein Hörensagenphänomen. So wie Regisseurin Lilja Rupprecht sie an diesem Abend ins Schauspiel Hannover holt: Wellen schwappen auf dem Videoscreen so zähflüssig, als wären sie schon ein Ölteppich. Ein Fotoplakat prangt mit dem Versprechen auf «Natur» und...
Er hatte schon im Vorfeld seinen Respekt vor dieser Bühne kundgetan, ihrer Größe, ihrer Tiefe, ihrer Geschichte. Thorleifur Örn Arnasson, der 41-jährige isländische Regisseur, dessen Name spätestens seit seiner hannoverschen Mythenüberschreibung «Edda» 2018 (die er jetzt fürs Burgtheater aktualisiert) in Theaterkreisen zirkulierte, wusste, was er sich antat, als er...
