Auf die Grenzen, fertig, los!
So viel Wehmut und Euphorie war selten wie letzten Sommer, als Johan Simons nach fünf kurzen Spielzeiten die Münchner Kammerspiele Richtung Ruhrtriennale verließ. Und selten gab es so viel wild oszillierende Debatten um einen neuen Theaterdirektor in der Stadt wie zum Amtsantritt seines Nachfolgers Matthias Lilienthal – lange bevor auf der Bühne selbst überhaupt irgendetwas zu sehen war.
Das Ende des Ensembletheaters wurde vorsorglich eingeläutet, der Einzug neoliberaler Adressbuch-Dramaturgie beklagt und die Umwandlung der traditionsreichen Kammerspiele in eine berlinerisch angeranzte Eventboutique befürchtet. Die orangenen T-Shirts und Schlabberjeans, in die sich Lilienthal nun mal gerne hüllt, waren wochenlang Stadtgespräch, und die Bezeichnungen «Edelpenner» und «Straßenköter» klebten wie vergessene Preisschildchen am leicht verruchten Image des Auserwählten.
Nun wohnt dem Anfang von Intendanzen meist kein Zauber inne, sondern vor allem aufgeputschte Erwartungshaltungen, gepaart mit einer Portion lauerndem Katzenjammer nach dem Guten, Alten, Gewohnten, eine Art unvermeidliches Spießrutenlaufen vor den (bisherigen) Freunden des Theaters und der Presse, das jeder hinter sich ...
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Theater heute Dezember 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Silvia Stammen
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Eigentlich wollte er ja nur mal eine Weile rumhängen, gar nichts machen, dieses vermutliche Alter Ego von Falk Richter, das da auf dem Laufsteg in der Schaubühne kauert. Rumhängen in der neuen Wohnung, Serien gucken, im Internet surfen. Und dann sind sie über ihn hergefallen, die «True Detectives» mit ihrer schwarzen, schwarzen Weltsicht, die er so gruselig...
Am Anfang des Anfangs tritt ein steinalter Rabbi an die Rampe im Schauspielhaus Basel und beerdigt die guten alten Zeiten. Der Bart wuchert fransig, die Stimme fistelt brüchig, und wenn ihm wieder eine Omi aus dem Pflegeheim in der Bronx weggestirbt, spürt der Rabbi, dass bald niemand mehr weiß, wie ein Schtetl von innen ausgesehen hat. Er hat Mühe mit «die...
