Revolution? Von wegen
Kimmigs Fassung von Gorkis Prä-Revolutionsdrama «Kinder der Sonne», geschrieben 1915 in Festungshaft, ist politisch erfreulich unsentimental. Kimmig lässt dezidiert alle Szenen weg, die bei Gorki auf einen bevorstehenden Aufstand der Unterschicht verweisen. Revolutionskitsch im BE-Stil oder vermeintlich «linkes» Kunstgewerbe-Pathos à la Lösch sind nicht so Kimmigs Ding. Er schaut lieber genau hin. Und entdeckt in Gorkis besserverdienenden Salon-Insassen normalneurotische Akademiker, also uns. Dysfunktionale Paare und mal kindisch, mal leicht hysterisch vor sich hin brabbelnde Autisten.
Das ist ziemlich komisch.
Und je länger man zusieht, ziemlich traurig. Diese Herrschaften zu beseitigen ist keine Revolution wert, sie erledigen sich problemlos selbst. So ausgenüchtert wie die Stückfassung ist die Bühne (Katja Haß): Nichts als ein Labyrinth weißer Metall-Streben. Ziemlich verloren und unbehaust stehen die Insassen in dieser zugigen Leere herum. Den infantilen Nerd Protassow, bei Gorki ein Chemiker, bei Kimmig ein Genforscher, der für den Rest der Welt schon lange nur noch ironisch amüsiertes Desinteresse aufbringt, spielt Ulrich Matthes anrührend komisch. Vollends gespenstisch wird ...
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Theater heute Mai 2011
Rubrik: Best of … Theatertreffen, Seite 19
von Peter Laudenbach
Nein, es ist keine Romanbearbeitung, mit der Michael Thalheimer seine erste Regie an der Berliner Schaubühne vorstellt. Der Großromancier Lew Tolstoi hat 1886 mit «Die Macht der Finsternis» ein veritables Drama, fünf Frauen, sechs Männer, um die Gier, das Geld und den Tod geschrieben. Sechs Jahre früher hat der sehr junge Kollege Tschechow seinen müden...
«Ich bin der Meister», zischelt er. Nun ja, kann jeder mal so kühn behaupten. Falls lange
Unterhosen, löchrige Filzlatschen, schlurfende Schritte und ein irres Flackern im Blick dort-
zulande einen meisterlichen Aufzug hermachen, wird es wohl stimmen.
Dortzulande ist eine Adresse zwischen Traum und Trauma, eine geräumige Absteige in der Sadowaja, totalitäres Moskau,...
Zugegeben, die Uraufführungsinszenierung von Annette Pullen am Deutschen Nationaltheater Weimar ist misslungen, leider. Das macht eine Einladung nach Mülheim schwierig, ja. Aber dieses Stück ist dennoch diskussionswürdig, auch wenn man es nicht in jeder Hinsicht
bejubeln muss; sprachlich etwa ist es nicht durchweg überzeugend. Trotzdem: «Einige Nachrichten an das...
