«Gastfreundlichkeit ist bei uns nicht Sitte!»

Antú Romero Nunes und das Hamburger Thalia verorten Kafkas «Schloss» im tiefsten Dunkeldeutschland

Theater heute - Logo

Solch ein Eiserner Vorhang ist ein hübsches Ausschlussinstrument. Olga (Cathérine Seifert) und Barnabas (André Szymanski) haben irgendwie einen Weg nach vorn entdeckt, jetzt stehen sie an der Rampe und kommen nicht zurück. Also wenden sie sich ans Publikum, an den Fremden, und dem erzählen sie die Geschichte vom Feuerwehrfest: Wie einst der Beamte Sortini ihrer Schwester Amalia auf besagtem Fest ein unsittliches Angebot gemacht habe, wie Amalia dieses Angebot zurückgewiesen habe und wie daraufhin das gesamte Dorf die Familie geschnitten, sie zu Aussätzigen gemacht habe.

Und der Fremde versteht, wo er hier gelandet ist: unter Duckmäusern, die in vorauseilendem Gehorsam die Existenz einer Familie zerstören, als Strafe für ein Vergehen, das im Grunde gar kein Vergehen ist.

Dass Antú Romero Nunes bei seiner Inszenierung von Franz Kafkas Romanfragment «Das Schloss» am Hamburger Thalia Theater die (in der Vorlage eher periphere) Geschichte eines sexuellen Übergriffs als Einstieg wählt, hat zwei Effekte: Nunes lenkt so den Blick weg von der allzu naheliegenden Interpretation des Romans als Satire auf überbordende Bürokratie, hin zum sozialen Mikrokosmos Dorf. Und er etabliert durch die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2016
Rubrik: Aufführungen/Neue Stücke, Seite 10
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Gespenster der Vergangenheit

Patricia Benecke In Ihrem Stück «Drei Winter» ist Tochter Alicia, wie Sie 2003, von Zagreb nach London gezogen. Wie ist das Immigrantenleben in London? Haben Sie nach inzwischen 13 Jahren das Gefühl, ganz ange­kommen zu sein?
Tena Stivicic Das Außenseiter-Gefühl wird wohl nie ganz verschwinden. Daran bin ich zum Teil selber schuld (lacht), aber die britische...

Selbst und Selbste

Da steht die Familie, so heilig und rein, sanft summend, klingend, harmonisch und schön. Nur Emil passt nicht mehr richtig hinein. Der religiös erzogene Sohn (Mathias Spaan) hat düstere Gedanken, die so gar nicht zum heilen Familienschein passen wollen. Auf der Ballhof-Bühne lässt er uns daran teilhaben. Ein umgekehrtes Bühnen-Portal hat die Regisseurin Barbara...

Macht Kunst Politik?

Schon eine einzige entstandene Mädchenschule in Afghanistan rechtfertigt den ISAF-Einsatz», sagt die Performerin, während die mutmaßliche Urheberin dieser Worte, eine 23-jährige afghanische Studentin und Aktivistin aus analphabetischem Hause, unbewegt von der Videoleinwand blickt. Nur wenige Minuten später wird ihr in «Conversion/Nach Afghanistan» widersprochen:...