Freiheit in der Entscheidung, Verantwortung in der Konsequenz
Fremdheit ist ein Kapital. Dass so wenige es nutzen, liegt vermutlich an der Angst, die es begleitet. Angst vor Ablehnung und Aggression durch andere, die so tun, als hätten sie eine sichere Heimat, Nation und Identität, ihren Kiez und einen unverbrüchlichen Status als Daseier, den sie gegen die Neuankömmlinge verteidigen müssen. Diese Atmosphäre der Bedrohlichkeit durch das Eingesessene verhindert es wahrscheinlich, dass der Fremde die große Faszination seines Andersseins richtig einschätzt.
Denn eigentlich ist das Recht auf Neugier eine Art Verfassungspräambel der kapitalistischen Lebensart und müsste dem Fremden eher hilfreich sein. Aber wenn die Neuen einem im Flur, in der Stammkneipe oder auf dem Amt begegnen, dann lässt man sie eben lieber ihren verminderten Status der Bedürftigkeit spüren.
Auch Azar Mortazavi ist fremd. Fremd im Wedding. Sie kam auf der Suche nach einer billigen Wohnung hierher, als sie schwanger war und mit ihrem Freund zusammenziehen wollte. Doch das raue Klima, die Grobheit untereinander, die in dem alten West-Berliner Arbeiterstadtteil herrscht, empfindet sie als sehr belastend. Vielleicht auch, weil sie immer schon sensibel für praktizierte Ausgrenzung ...
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Theater heute Juni 2013
Rubrik: Akteure, Seite 28
von Till Briegleb
Was hat König Ödipus mit der Finanzkrise zu tun? Weil die «Schuld» des Königs, der unwissentlich den Vater erschlagen und die Mutter geheiratet hat, so ähnlich klingt wie «Schulden»? Weil die zahlungsunfähigen amerikanischen Eigenheimbesitzer ihre Kreditverträge ebenso wenig überpeilt haben wie der Thebaner seine Familienverhältnisse? Oder weil sie ihre Häuser...
Unbewaffnet rückt kein Eidgenosse aufs patriotische Feld aus. Wilhelm Tell trägt seit Jahr und Tag Armbrust. Auch der Schauspieler Mike Müller wappnet sich für seinen «Truppenbesuch». «Müller inspiziert die Schweizer Armee», verspricht sein Soloabend im Zürcher Neumarkt im Untertitel.
Es hat etwas Zivilritterliches, wie sich Mike Müller das Thema erobert. Der...
So einen Theatervorhang hat das Akademietheater wahrscheinlich noch nie gesehen: Der rote Samt ist über und über mit Dreck verschmiert. Das gilt aber auch für das Kostüm von Salome Pockerl, der rothaarigen Gänsemagd aus Johann Nestroys Posse «Der Talisman» (1840). Eigentlich ist die ganze Bühne (Patrick Bannwart) total versaut, und die Umgangsformen sind auch nicht...
