Seh(n)sucht eines Heimgeflohenen

Franz Xaver Kroetz «Tänzerinnen + Drücker»

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In den letzten beiden Jahren auf Teneriffa unterzog sich der mit Depres­sionen und Ehekrisen kämpfende Dichter Franz Xaver Kroetz nach jahrelanger TV-Abstinenz einem aufopferungsvollen Selbstversuch und hätte sich dabei mittels Fernbedienung und Satellitenempfang Dutzender deutscher Privatkanäle wohl beinahe den Goldenen Schuss gesetzt.

«Tänze­rinnen + Drücker» heißt die theatrale Ausbeute eines Exzessiv-Fernseh-Deliriums; eigentlich ist es ein einziger Hassausbruch, gepaart mit der geschlechterspezifisch differenzierten Darstellung typischer Spätfolgen von unkontrolliertem TV-Konsum. Dabei interessieren sich die männlichen Probanden erwartungsgemäß vor allem für die äußeren und inneren anatomi­schen Qualitäten einer gewissen Tina, der zuliebe sie sogar vorübergehend die Fernbedienung aus der zittrigen Hand legen, um diese anderswo zum Einsatz zu bringen.
Die weibliche Kontrollgruppe setzt sich dagegen, obwohl als Altersheim-Insassinnen faktisch vor den Bildschirm gefesselt, mit den letzten Resten ihrer Wunsch- und Leidenskraft gegen die totale mediale Gleichschaltung zur Wehr, indem sie sich nicht mit der Zuschauerrolle zufrieden geben, sondern in bester «Präsidentin­nen»-Manier ...

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Theater heute August/September 2006
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Silvia Stammen

Vergriffen
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