Gerechte Verbrechen, offene Versprechen
Ein stilles Haus, dieses Schauspielhaus. Eines, in das die Wanduhr zur vollen Stunde wie eine Totenglocke einschlägt, und wo jedes «Lebehoch» unschicklich klingt, sogar zum Namenstag der jüngsten Tochter. Die Zürcher Intendantin Barbara Frey hat dieses Haus zu Spielzeitbeginn Anton Tschechows «Drei Schwestern» eingerichtet, natürlich lungert dort die örtliche Offiziersclique rum, verquarzt die ohnehin dicke Luft, und noch natürlicher war früher mehr los in diesem Provinzstadtsalon, früher hätte ein hübsches Mädchen wie Irina unter 30 Kavalieren wählen können.
Heute sind es anderthalb, scherzt Mascha. Was weder als Scherz ankommt noch so gemeint ist, so übellaunig kehrt Sylvie Rohrer, die mittlere Tschechow-Schwester, der Gesellschaft den Rücken zu.
Mascha: Das ist die, deren Gatte Kulygin (Nicolas Rosat) so pädagogenschlaff daherplaudert, dass sie sich Stefan Kurts halbwegs schneidigem Batteriechef Werschinin an den Hals wirft. Ein Ehebruch in den abseitigen Winkeln von Bettina Meyers Drehbühne verbreitet immerhin einen Schimmer Lebensfreude.
Derweil verkriecht sich Irina bei Dagna Litzenberger Vinet unrettbar in ihr Gefühlsvakuum. Wenn der Flegel Soljony (Milian Zerzawy) sie ...
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Theater heute November 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Stephan Reuter
Franz Wille «Furcht und Ekel» handelt vom alltäglichen Rechtsextremismus und trägt den schönen Untertitel «Das Privatleben glücklicher Leute». Was ist das Glück dieser Leute?
Dirk Laucke Schon der Titel ist natürlich eine doppelte Anlehnung, einerseits an Brechts «Furcht und Elend im Dritten Reich» und Franz Xaver Kroetz’ «Furcht und Hoffnung in der BRD». Und der...
Die Inszenierung hatte ihr Handicap: In Stuttgart fiel kurz vor der Premiere Thomas Lawinky aus, und der eigentlich mehr vom Fernsehen her bekannte junge Marek Harloff sprang ein. In dieser kurzen Zeit kann niemand zu Richard III. werden, und sie reicht wohl gerade einmal dazu aus, den Text zu beherrschen. Harloff stand die drei Stunden tapfer durch. Über seinen...
Vor einigen Jahren, ich war Dramaturg am Schauspielhaus Bochum, später in Zürich, wurde mir das deutschsprachige Produktionssystem unheimlich, weil seine Begriffe, mit denen ich aufgewachsen bin und auch gewohnheitsmäßig umging, nicht mehr zu erfassen schienen, was da plötzlich entstanden ist in den späten 90ern und frischen Nullerjahren des neuen Milleniums....
