Foto: Ralf Arnold
Leipzig: Glühwürmchenidyll
Die Fabrikhalle, die Ausstattungsleiter Hugo Gretler auf die Bühne des Leipziger Schauspielhauses gesetzt hat, ist leer. Rechts ein Ausschank, hinten Türen zu den Herren- und Damen-Toiletten und in der Mitte eine rundumglaste Zeppelingondel bilden zusammen mit altem DDR-Mobiliar den Grund für ein Spiel der unendlichen Traurigkeit. Kasimir und Karoline, verkörpert von Wenzel Banneyer und Daniela Keckeis, inszeniert vom Leipziger Intendanten Enrico Lübbe, haben keinen Grund zu feiern.
Der Maschinenraum des alten Kapitalismus ist leer und ausgehöhlt, draußen braust die Dienstleistungsgesellschaft in Form einer regelmäßig auftauchenden U-Bahn vorbei. Drinnen machen die Abgehängten es sich ungemütlich bei Bier und Eis aus der Maschine. In einer Welt ohne Zukunft hat niemand Kredit, immer heißt es: «Gleich zahlen, bitte!» Selbst beim Toilettengang. Das an die Rückwand gepinselte Versprechen «Wir werden alle fliegen» stammt aus längst vergangener Zeit, deren verheißungslose Zukunft längst grau angepinselte Vergangenheit ist. Die Flugmaschinen sind bereits verschachert. Volksfestmusik dröhnt leise von hinten, auf der Bühne lässt sich lediglich Glasharfenspieler Philipp Marguerre zu ...
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Theater heute November 2017
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Torben Ibs
Die stärkste Szene dieses «Woyzeck» hat Ulrich Rasche kurz vor der Pause platziert. Es ist die Wirtshausszene, in der die Gäste ihre Nasen schon sehr tief in die «Brandewein»-Gläser gesteckt haben oder auf dem Tanzboden gierig übereinander herfallen. Auf der Bühne hört man freilich davon nur. Die metallene Drehscheibe, die Rasche diesmal als Bühnenelement entworfen...
Der geografische Umriss Deutschlands mit den 16 markierten Bundesländern projiziert sich über das Bühnenbild-Gerüst. Sind wir also nicht im antiken Griechenland, wo die Geburt der Tragödie statthat? Ist «Die Orestie» des Aischylos leichterhand zu übertragen auf unsere Verhältnisse – und Orest nun ein Killer für den IS-Staat? Kann dann aber seine «Freisprechung»...
Als zweiter Band der Werkausgabe Hermann Sinsheimers, die mit der erstmals vollständig übersetzten Fassung seiner im Londoner Exil geschriebenen Autobiografie «Gelebt im Paradies» begonnen worden ist, liegt nun «Shylock und andere Schriften zu jüdischen Themen» vor. Hermann Sinsheimer, der 1931/32 mit dem Wechsel von München nach Berlin den Gipfel seiner...
