Ein Zwischenfall

Tschechow «Die Möwe»

Theater heute - Logo

Die Welt ist eine Scheibe und dreht sich unaufhörlich. Eine begrenzte, enge runde Fläche ist diese kleine russische Welt nurmehr, und an den Rändern fliegen die schönen Vergangenheiten, die unsichere Gegenwart und die Zukunft, vor der hier jeder Angst hat, vorbei. Draußen, da mag Moskau liegen, irgendwo Petersburg, da sind auch die ganzen einst ehrgeizigen Ideen und die Sehnsüchte geblieben, von denen nur noch schlecht geträumt wird.

Auf der Drehscheibe aber bedient man sich beim Ausverkauf der Illusionen und preist die eigenen Restposten von Charakterstärke und Lebens- wie Liebesmut wie abgestandenen Wodka an, der da auch reichlich gesoffen wird.

Das ist zunächst ein schön stimmiges Bild, das sich Andreas Kriegenburg für seine Inszenierung von Tschechows «Möwe» gebastelt hat: eine kreisrunde Tafel ohne Anfang und Ende, in der Mitte ein raffiniertes Holzgestell, das wie eine Wäschespinne die kleine Bühne überdacht, auf der Nina (Lisa Stiegler) die poetisch verschwurbelten Kopfgeburten von Konstantin (Mathis Reinhardt), ehrgeizig und ohne ein Wort davon zu verstehen, deklamieren wird. Derweil sind aber alle anderen dazu verdonnert, ihrem Platz und somit dem Sinn ihrer Existenz ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2013
Rubrik: Chronik: Frankfurt/Main, Seite 64
von Bernd Noack

Weitere Beiträge
Irrtümer der Geschichte

Allzu großes Vertrauen in die allgemeine Menschennatur wird Gorki nach «Die Letzten» niemand vorwerfen. Er hatte während des Schreibens 1907 im Exil auf Capri auch wenig Grund dazu. Die russische Revolution war erst einmal gescheitert, eine Rückkehr nach Russland auf Jahre unmöglich. Stattdessen stritt er sich mit Lenin über die richtige Strategie zur großen...

Alarmierende Verunreinigungen

Da sind wir definitiv schon leidenschaftsärmer begrüßt worden in den mehr oder weniger heiligen Theaterhallen: «Das Publikum, das Publikum, das Publikum», schnarrt ein whitegefaceter Empfangschef mit dunklem Anzug und ebensolchem Oberlippenbärtchen in Endlosschleife den Menschen entgegen, die sich von der Kastanienallee aus in den Prater drängeln. Handelt es sich...

White Trash

Herberts Bratwurst ist die billigste, denn sie ist eigentlich nicht mehr genießbar. Damit das nicht auffällt, hat sie Herbert einer «Spezialbehandlung» unterzogen. Die «gute lauge», in die er sie legt und die schon «seine oma genutzt hat nach dem krieg», ist mit Arsen und Rattengift versetzt. Das Siegerstück der Essener Autorentage 2012 ist das Stück zur Stunde des...