Lob der Textschrulle!

Der Dramatiker und Gast-Professor Moritz Rinke unterrichtet Drama am Deutschen Literaturinstitut Leipzig – trotz allem Theater!

Theater heute - Logo

Ich war mal im berühmten «Kaffee Burger» in Berlin zu einem Leseabend von ungefähr vierzig jungen angesagten Literaten, die ich alle nicht kannte und die schwarz umrandete Brillen trugen und sogar während des Lesens sehr gekonnt rauchten. Das Publikum bestand aus circa 60 Zuhörern, die quasi auch alle schwarz umrandete Brillen trugen und eigene Manuskripte mit sich führten, in denen sie ebenfalls rauchend herumkorrigierten, während die anderen oben auf der Lesebühne ihre Texte präsentierten.

 

In dem relativ kleinen Raum mit den ungefähr bestimmt 100 Literaten konnte man jetzt überhaupt nichts mehr sehen vor lauter Rauch. Nur einmal sah ich, wie die junge Frau neben mir aufblickte, fassungslos in den Qualm der Lesebühne starrte und «So ein scheiß unkomplexer Einstieg!» sagte, um sich dann wieder in ihr Manuskript zu vertiefen. Ich wusste nicht so genau, ob sie ihren eigenen Einstieg scheiß unkomplex fand oder doch eher den Einstieg des Lesenden oben, der gerade die Exposition zur vermutlich sehr hippen «Lebensgeschichte von Fickie Bumsloch» vortrug. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, las er 45 Minuten über das Leben des Fickie Bumsloch, ein Protagonist, den ich bis heute nicht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2006
Rubrik: Ausbildung, Seite 36
von Moritz Rinke

Vergriffen
Weitere Beiträge
Gute Unterhaltung!

Wenn es um die möglichst lukrative Verbindung von Kunst und Geld geht, macht den Salzburger Festspielen an sich keiner was vor. In der katholischen Kirche aber hat das Festival diesen Sommer seinen Meister gefunden: Auf einem derzeit wegen Renovierung eingerüsteten Turm des Salzburger Doms wurde für die noble Schreibwarenfirma Montblanc geworben. Dass...

Warum wir kämpfen

In keiner Stadt ist der Sommer so anstrengend wie in New York, und in keiner ist er so schön. Auch der diesjährige bildete keine Ausnahme. Biblische Beton-Hitzewellen wurden regelmäßig von verschwenderisch lauen Abenden abgelöst, mit fest im Stadtbewusstsein verankerten Ritualen. Schulter an Schulter picknickte man beim Klassikerkino im Bryant Park, tanzte auf den...

Endspiel, was sonst

1. Warum machen wir das? Man muss ja keine Theaterkritiken schreiben. 

Am Theater kann einen zunächst reizen, dass es als generalistische Form, die im Glücksfall zum Gesamtkunstwerk gerät, alle oder fast alle anderen Genres vereint. Das ist für den Kritiker mindestens eine intellektuelle Herausforderung, erklärt aber noch nicht wirklich sein Objekt der Begierde....