Praktische Ansichten
Von Ratten keine Spur. Alles sauber aufgeräumt auf diesem bühnenweiten Dachboden (Henrike Engel) mit ein paar ordentlichen Kostümhängern unter der neonbeleuchteten Schräge, einigen Kleiderpuppen und der akkuraten Stuhlreihe im Hintergrund, auf der das Ensemble Platz genommen hat und von wo es wie auf der Probe ins Stück springt.
Hauptmanns Stück liest sich heute als seltsamer Zwitter. Radikalberlinernde Krawallkomödie erstens, die ihre Pointen etwas umständlich ansteuert.
Sozialdrama von den armen und halbkriminellen Leuten im bröckeligen Mietshaus zweitens, das sich keine Hoffnung auf Besserung gestattet. Und schließlich der eingewobene theoretische Schauspieler- und Theaterdiskurs gegen die dröhnenden Goethe-Formalismen, die der Provinzschmieren-Direktor Hassenreuter vertritt, und für einen Realismus, der leider schwer nach Wohnküche riecht.
Karin Henkels Inszenierung hält sich lange strikt an ersteres, stürzt dann ins soziale Gefühl und hat, was Schauspieltheorie betrifft, recht praktische Ansichten. Die Darsteller werfen sich auf dem kürzesten Weg in ihre Rollen und schneiden Hauptmann manch langatmigen Dialogumweg ab. Alle Debatten zwischen dem alten Direktor und Reformer ...
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Walter ist die Ruhe selbst, und er hat auch allen Grund: Denn er wird von Sepp Bierbichler gespielt, und der ist ein Behauptungsmassiv, das jede Bühnensituation in eine unverrückbare Glaubwürdigkeit stemmt.
Sepp Bierbichler steht, trinkt, sitzt und redet wie das Matterhorn: stämmiger Gleichmut, etwas vierkantig und vieltausendtonnenfach gelassen, an den Rändern...
Mit wenig mehr als 170 Zentimetern hätte er ja eher die Statur für einen Sancho Pansa. Aber er spielt immer wieder die Don Quijotes. Vorangetriebene, die auf den Wellen eines unbeirrbarren Wollens surfen wollen und dann doch nur von ihnen mitgerissen werden. Die entweder das ganze Stück über vergeblich auf ein Ziel zurennen – wie sein Shylock, der so gern wie all...
