Der Dramatiker und sein Double
Dennis Kelly rollt den Fall einer jungen Mutter auf, die überraschend ihre zwei kleinen Kinder verloren hat. War es Mord oder plötzlicher Kindstod? Diese Frage spaltet die Familie, die Wissenschaft, die Justiz und geht durch alle Medien. Kelly ist bei diesem Dokumentar-Stück ein Zuschauer, er sitzt im Publikum und mischt sich gelegentlich ein. Er fragt seine Figuren beiläufig und mehr oder weniger geschickt nach ihrer Version der Ereignisse. Sie assoziieren sprunghaft, sind öfters verlegen und verstummen. Wir befinden uns in einer Live-Interview-Situation.
Der Ehemann, der um seine Kinder trauert, spricht ihn an: «Mr. Kelly, Sie sind ein Parasit, eine Made, die niedrigste Lebensform, ein Monster, ein Aasgeier, ein widerwärtiges Stück Scheiße, und ich kann nur beten, dass sie von einer unheilbaren Krankheit befallen werden wie Krebs.» Er wirft ihm vor, dass er seinen Schmerz zu Zwecken der Unterhaltung missbrauche. Kelly lüge, wenn er sagt, dass es ihm um die Wahrheit gehe, denn es geht ihm nur um die Verwertung dieser Extremsituation in einem Theaterstück und um seine Karriere als Dramatiker. Dieser Moment beschreibt, was das Stück auszeichnet: Es organisiert die Perspektiven der ...
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Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 166
von Karl Baratta
Christian Winkler, 1981 in Graz geboren und in der Steiermark aufgewachsen, kennt das englischsprachige Theater ebenso wie das deutschsprachige und ist erst vor kurzem von seinem Londoner Regiestudium nach Österreich zurückgekehrt, um nun von dort aus als Regisseur und Autor Theater zu machen. Und in den letzten Monaten ist viel passiert: Winkler hat seine Texte in...
Während sich die deutsche Kritik noch über den Erfolg von «August: Osage County», über die Wiedergeburt des amerikanischen Familienstücks aus dem Geist Eugene O’Neills wundert, räumt Tracy Letts mehrere Generationen umspannendes Epos so ziemlich alles ab, was es in der New Yorker Theaterszene zu gewinnen gibt. Pulitzer-Preis und 5 Tony Awards inklusive.
«August:...
68 ist Historie, und die Kritische Theorie hat auch schon bessere Tage gesehen. Aber die Kritische Praxis lebt!
37 Kritiker haben wie immer unbestechlich, entscheidungsfreudig und furchtlos abgestimmt: über das Beste, was das deutschsprachige Theater in den letzten zwölf Monaten hervorgebracht hat. Ein Feuerwerk der Ideen, Höhepunkte ohne Ende. Die Stücke,...
