Der Entgrenzungsorgiast
«Tartuffe», das fünfzehnte von dreiunddreißig überlieferten Dramen Molières, war jene Komödie, die unmittelbar nach ihrer Uraufführung 1664 mit dem Bann des Aufführungsverbots belegt wurde, die klerikale Kräfte veranlasste, den Dichter auf den Scheiterhaufen zu wünschen, und einen fünfjährigen erbitterten Kampf Molières um die Aufhebung des Verdikts durch den französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. zur Folge hatte.
In der Blüte des Barock, als die katholische Kirche den Versuch unternahm, Transzendenz und Immanenz, Gott und Welt, Strenge der Form und überbordende Sinnesfreude sowie Ornamentik zusammenzudenken, sah sich die einflussreiche katholische «parti des dévots» durch Molières Figurenzeichnung des Tartuffe angegriffen und zeigte sich brüskiert.
Es ging Molière aber nicht um theologische Fragestellungen, sondern um die Kritik an herrschenden gesellschaftlichen Missständen, um die Beschreibung der jeder reaktionären kirchlichen Doktrin inhärenten Doppelmoral. Molière wandte die Mittel der Komödie zum Zwecke der Desillusionierung an, zur Freilegung der Realität hinter dem Schein. Jean Anouilh sah in Molières Komödien deshalb «die schwärzesten Theaterstücke der Literatur aller ...
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Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 170
von Constanze Kargl
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