Hannover: Aus der Mackerschmiede
Was ist dieser Tartuffe für einer? Ein Sektenguru, der einen Vater seiner Familie entfremdet, indem er gottgefällige Gebote ausspricht. Vielleicht sogar die Inkarnation eines ziemlich trendigen asketischen Zeitgeistes: gegen Rauchen, Trinken, Laisser-faire. Und hintenrum natürlich durch und durch verlogen. Wie die meisten Reinheitsapostel.
Bei Martin Laberenz in Hannover ist er zunächst einmal der Gegenstand eines Sprachspiels.
Lisa Natalie Arnold als Dienstmädchen Dorine kaut und krächzt und trällert und zungenkullert den Namen «Tartüüüüffe» minutenlang an der Rampe hin und her. Es wirkt, als solle mit diesen Vokal-Etüden Raum für einen möglichst vielstimmigen, vielschichtigen Zugang zum Molièreschen Protagonisten geschaffen werden. Aber gefehlt.
Das Haus des Bürgers Orgon, der sich dem Wanderprediger Tartuffe an den Hals geworfen hat und ihm bald auch Tochter und Besitz vermachen will, ist in Hannover ein hoch aufragender goldener Rundvorhang (Bühne: Volker Hintermeier). Eine Show-Kathedrale. Herein rollt ein alter Mercedes Benz und rutscht gleich mal auf die Stufen, die von der Tortenbühne hinab führen. Die paar Kratzer an seinem Benz dürften Herrn Orgon allerdings kaum den ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2017
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Christian Rakow
Missmutig drückt sich Iwanow – ein in jeder Hinsicht blasser Mittvierziger mit blöndlichem Seitenscheitel – an der heimischen Küchenzeile entlang. Seine Frau Anna Petrowna hantiert wacker lächelnd mit Obst, Gemüse und Abendbrotschüsseln und ginge locker als personifizierte Ikea-Küchen-Idylle durch, wenn ihr Kopftuch und die Strickjacke, in die sie sich mit großer...
Ein junges Paar mit einem drei Monate alten Kind in einer auf Kredit gekauften Wohnung. Nur unregelmäßige Einkünfte. Vor der Tür der Geldeintreiber. Draußen im Baum ein so herz- wie nervenzerreißend miauendes Kätzchen. Eine Mutter, die den vielleicht rettenden Verkauf der Datsche torpediert. Stau auf dem Weg zum letztmöglichen Zahlungstermin bei der Bank....
Mit einem lauen Witz beginnt das Gespräch zweier Beschädigter; beide, er, Michael, und sie, die «Renata» genannt wird, treffen aufeinander in der Cafeteria einer Jugendpsychiatrie; sie kellnert und bringt fast immer Tee, wenn er Kaffee möchte. Und umgekehrt … Was sie denn so mache außerhalb des Cafés, fragt er. «Terrorismus!» sagt sie – hä? Nochmal bitte:...
