Sehnsucht in DIN A5
Wir haben halt nicht mehr so viel Zeit. Wer kann sich noch über Tage an einer Tausend-Seiten-Romanwelt sattlesen? Eine Zürcher Zeitung hat gerade viel Erfolg mit einer literarischen Sättigungsbeilage, die sie «GetAbstract» nennt: «Werther», Flaubert, die «Gefährlichen Liebschaften» auf ein paar A5-Seiten! Da liegt Barbara Weber goldrichtig mit ihrem Neumarktangebot: «Anna Karenina» in drei Stunden. Und um es gleich zu sagen: Es sind drei äußerst unterhaltsame Stunden. Abstrahierend, ja, aber mit überaus konkreter Spielfantasie.
Barbara Weber konzentriert sich auf die Stränge der Liebeserzählung in Tolstois Tausend-Seiten-Epos. Nicht das soziale Sittenbild interessiert sie, nicht das pessimistische Philosophieren à la russe, sondern das, was ästhetisch an den Daily Soaps geschulte Fernsehkinder genauso unmittelbar zu packen vermag wie unsere Urgroßmütter die Leküre in der Sommerfrische: die soghafte Geschichte einer Amour fou. Und wie schon jüngst in ihrem «Biographie»-Spiel nach Max Frisch erzählt Barbara Weber sie wieder wunderbar kühl, leichthin, ohne angestrengte Kontextualisierung, aber mit hinreißendem szenischen Witz.
Anna Karenina und Graf Vronskij umkreisen sich ...
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