Dea Loher Über die Berge gehen

Eine Erzählung

Theater heute - Logo

Sie war zurückgekehrt in das Haus in den Bergen. Auf der Südseite hatte man das weite Panorama des Steinernen Meeres vor sich. An klaren Tagen konnte man die Spitze des Watzmannvaters erkennen.

Der Alte hatte sie vom Flughafen abgeholt und in seinem Jeep heraufgebracht. Sie mußte sich hinten auf die Ladefläche setzen, weil der Beifahrersitz herausmontiert war. Der Alte murmelte eine Entschuldigung; auf halber Fahrt, nach vorsichtigen Blicken in den Rückspiegel, sagte er plötzlich über die Schulter: «Man sieht es dir nicht an.» Er versuchte ein schüchternes Lachen.

 

Ihre Mutter war vor vier Jahren gestorben, seither hatte sie ihren Vater nur wenige Male gesehen, und ihr Verhältnis war noch sprachloser geworden. Obwohl es oft schien, als kümmerten sie sich nicht umeinander, liebten sie sich doch auf eine hartnäckige, widerstrebende Art, die durchzogen war von Schmerz. Als Karla eine Wohnung in Neapel bezogen hatte, in der es einen Kamin gab, war der Alte mit einer eigenhändig aus seinem Wald geschlagenen Ladung Holz über die Alpen bis in die laute Stadt gefahren, da es für ihn undenkbar war, daß seine Tochter sich gespaltenes Holz, abgefüllt von einem Fremden und womöglich in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2005
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Dea Loher

Vergriffen
Weitere Beiträge
Warten auf George Bush

«Theatre, in the Islamic Republic, finds its noble and high responsibilities in expressing pains and suffering of fettered and oppressed human beings.» revolutionsführer ali chamenei (vorangestellt dem katalog zum 23. internationalen fadjr-festival)

 

 

Darf ich mich einen Moment zu Ihnen setzen?» Obwohl im Flugzeug nach Teheran noch viele Plätze frei sind, setzt...

Endstation Sehnsucht

Man müsse tot sein, heißt es, wenn man in Wien eine gute Nachred’ haben will. Manchmal genügt es auch, wenn man todkrank ist. Als der von einem Krebsleiden schwer gezeichnete Hans Gratzer bei der Nestroy-Gala vergangenen November auf der Wiener Varietébühne Ronacher für sein Lebenswerk geehrt wurde, spendete ihm die versammelte Wiener Theatergesellschaft...

Notizen

Preise/Auszeichnungen

Ulrich Matthes erhält für seinen George in Jürgen Goschs Berliner «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?»-Inszenierung den Gertrud-Eysoldt-Preis der Bensheimer Ringelband-Stiftung in Höhe von 10.000 Euro. Den Nachwuchs-Regiepreis (5000 Euro) teilen sich Shirin Khodadadian und Daniela Kranz. / Gerhard Stadelmaier, Theaterkritiker der FAZ, erhält...